jeudi 22 décembre 2011

SIMONE DE BEAUVOIR HEUTE

Kritische Anmerkungen zu einer Klassikerin des Feminismus

 

Einleitung

Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ spielte in der feministischen Theorie lange so gut wie keine Rolle mehr. In letzter Zeit taucht de Beauvoir aber nicht nur in neu erstellten Überblickswerken zu Klassikerinnen des Feminismus wieder auf; zu ihr und ihrer Theorie wurden inzwischen auch vermehrt Tagungen und Veranstaltungen angeboten. Auch im Feuilleton findet sie häufigere Erwähnung.   Dies hat wohl nicht nur mit den üblichen Jahrestag-Events ihres hundertsten Geburtstags 2008 und ihres 25. Todestags 2011 zu tun, sondern dürfte nicht zuletzt einem Selbstreflexivwerden von Feminismus und Genderforschung in der gegenwärtigen Krisensituation geschuldet sein.
Noch in den 1970er Jahren hatte sich insbesondere ein Gleichheitsfeminismus mit dem Slogan: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“ auf de Beauvoir berufen. Alsbald jedoch bezichtigte sie der Differenzfeminismus, männliche Normalitätskriterien auf Frauen anzuwenden. Schließlich wurde ihr in den 1990er Jahren von einem dekonstruktiven Feminismus vorgeworfen, trotz aller Kritik der Geschlechterverhältnisse einem dualistischen Denken verhaftet zu sein und eine erneute Herstellung von Zweigeschlechtlichkeit zu betreiben.
Heute nun ist eine Zeit der Bilanzierung/Reflexion angebrochen: Was kommt nach Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion? Wie weiter mit der Genderforschung, nachdem sie einerseits in Frage gestellt und es andererseits als unumgänglich postuliert wird, sie dennoch aufrecht zu erhalten? In dieser Zeit der Unsicherheit kommt man auch wieder auf Klassikerinnen wie de Beauvoir zurück. Dabei soll jedoch kein Neuland betreten werden; Gelüste auf eine Transzendierung des bestehenden und des früheren Denkens tauchen gar nicht erst auf. Die Theorie soll im gewohnten immanenten Referenzrahmen verbleiben. Dementsprechend wird krampfhaft versucht, „Queer“ mit den Ansprüchen eines materialistischen Feminismus kompatibel zu machen. Gerade in diesem Zusammenhang erfolgt der Rückgriff auf de Beauvoir, wie ich im folgenden kurz zeigen will.
In meinem Referat geht es um drei Fragestellungen: Erstens um die objektive Bedeutung de Beauvoirs im Rahmen einer Kritik der kapitalistischen Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung; zweitens um Übereinstimmungen und Grenzziehungen in Bezug auf de Beauvoir aus der Warte der von mir vertretenen Wert-Abspaltungskritik heute; und drittens um die Gründe, warum de Beauvoir gegenwärtig wieder aus der Versenkung geholt wird und auf welche Weise. Mir geht es dabei vor allem darum, im Kontext einer historisch-spezifischen Subjekt-Objekt-Dialektik des Kapitalismus die gegenüber den Subjekten gewissermaßen verselbständigte Objektseite ihres eigenen Zusammenhangs herauszustellen, die heute weitgehend vernachlässigt wird. Die Verlassenheit des Subjekts, ein wichtiger Bezugspunkt des (auch Sartreschen) Existentialismus im Gefolge einer problematischen Heidegger-Rezeption, ist dabei aus meiner Sicht Resultat der kapitalistischen Wert-Abspaltungsvergesellschaftung und nicht umgekehrt die (geschlechtsneutrale) ahistorisch-ontologisch gedachte „Existenz“ ihre Voraussetzung.
Zunächst möchte ich einige Grundgedanken von „Das andere Geschlecht“ noch einmal darlegen. De Beauvoirs Denken wurzelt bekanntlich im Existenzialismus und hier speziell demjenigen Sartres; ein Denken, das sie aufgrund eines lebenslangen Dialogs mitkonstituierte. Kernpunkt dabei ist, dass der Mensch ob seiner „Geworfenheit“ in die Welt zur „Freiheit“ verdammt ist. Er muss sich selbst erfinden und ist absolut selbstverantwortlich. Die Berufung auf äußere Bedingungen für seine Entscheidungen gilt daher als bloße Ausflucht. Es gibt kein vorausgesetztes menschliches Wesen, der Mensch und seine Existenz fallen im Grunde mit der „Tat“ zusammen, in der er sich transzendiert; ja er geht im Handeln über seine Existenz hinaus. Dies gilt nicht nur für den einzelnen, sondern für die gesamte Menschheit.
Dieser Gedanke liegt auch dem “Anderen Geschlecht“ zugrunde. Dabei gilt der Mann als Subjekt, die Frau als das Andere/Besondere. Die Kategorie des Anderen kennzeichnet die Existenz zwar schlechthin. Zeichnet sie sich gemeinhin jedoch durch Wechselseitigkeit aus, fehlt es im Geschlechterverhältnis gerade daran. Frauen willigen in dieses einseitige Verhältnis ein. Nicht zuletzt aus Bequemlichkeit, also um aus der Verantwortung zu flüchten, verbleiben sie in der patriarchalen Immanenz. Obwohl de Beauvoir nun der Meinung ist: „Man kommt nicht als Frau auf die Welt, sondern wird dazu gemacht“ (ein oft zitierter Satz), schwankt sie zwischen biologischen und sozialen Erklärungen, denen sie ihre existenzialistische Weltsicht unterlegt. Biologie ist für sie dabei in erstere Linie Ballast, den es abzuwerfen gilt, will die Frau zur Transzendenz gelangen. Folglich unterstützte sie durchaus zu Recht  Abtreibungskampagnen und sah die lesbische Liebe als Alternative zur heterosexuellen Beziehung, denn der heterosexuelle Geschlechtsakt „stellt immer eine Art der Vergewaltigung dar“. Entscheidend ist für sie jedoch nicht die sexuelle Praxis als solche, sondern die zwanghafte Ausschließlichkeit von Heterosexualität (de Beauvoir, 2008, zusammenfassend: Hagemann-White, 1992).  
Für die Frauenbewegung im Gefolge von 1968 war „Das andere Geschlecht“ eine Art Bibel, wie oft festgestellt wurde. Das gilt von Protagonistinnen wie Sulamith Firestone und Alice Schwarzer über Susan Brownmillers „Gegen unseren Willen“ (ein Antivergewaltigungsbuch) bis hin zu Christina Thürmer-Rohr mit ihrer „Mittäterschafts“-These, die bis heute als bloße Gegenposition zum „Opferfeminismus“ gehandelt wird, anstatt zu sehen, dass beide Varianten des Feminismus (die Seite des Opfers und die der Mittäterschaft) im Grunde ein existenzialistisches Fundament haben. Noch im Differenzfeminismus, sei es der von Irigaray oder derjenige der sogenannten Bielefelderinnen, wird nämlich der patriarchale Entwurf der Frau auch als utopische Vorstellung gewissermaßen entwendet und schon immer als transzendent gedacht, nämlich nun tatsächlich von der - in Wirklichkeit ebenso immer schon immanenten - weiblichen Seite her.  Gerade Irigaray und de Beauvoir sind dabei als komplementär zu veranschlagen, insofern bei de Beauvoir die Frau als das defizitäre Andere des männlichen Subjekts bestimmt wird, während bei Irigaray stattdessen das verborgene Andere des Weiblichen das Eigentliche ist, dem es Respekt zu zollen gilt.

Zur Bedeutung des Existenzialismus in der kapitalistischen Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung

Auch wenn die theoretische Entwicklung von Sartre und de Beauvoir Metamorphosen durchgemacht hat, möchte ich hier Sartres Aufsatz „Materialismus und Revolution“ kurz in seiner Kernaussage referieren, um ihn sodann mit einer grundsätzlichen Argumentationsfigur in „Geschichte und Klassenbewusstsein“ von Lukács zu konfrontieren. Damit will ich den Gegensatz des Existenzialismus zu einer Kritik des gesellschaftlichen Fetischismus in der grundsätzlichen Formdimension (und in diesem Zusammenhang wie angedeutet einer Dialektik von Subjekt und Objekt) aufzeigen in der Perspektive der Wert-Abspaltungskritik. Wichtige Impulse hierzu hat mir Winfried Dallmayr in seinem Aufsatz „Phänomenologie und Marxismus in geschichtlicher Perspektive“ von 1977 gegeben.
Für Sartre ist ein Vulgärmaterialismus Steilvorlage seiner Kritik: „Um Subjektivität zu eliminieren, deklariert der Materialist sich selbst zum Objekt, d.h. zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Sobald aber Subjektivität in die Objektwelt eingeebnet wird, greift der Materialist zur Finte; anstatt sich selbst als Gegenstand unter Gegenständen und unter der Kontrolle der Naturkausalität zu sehen, schwingt er sich zum objektiven Beobachter auf und behauptet, die Natur an sich, so wie sie ist, im Griff zu haben“ (Sartre, zit. n. Dallmayr, 1977, S. 32). Dabei sind nach Sartre gesellschaftliche Strukturen im Marxismus Naturgesetzen gleichgestellt. Stattdessen müsse der Marxismus, so Sartre, mit dem Existenzialismus verbunden werden. Für ihn heißt das, dass eine kontemplative materialistische Position verlassen werden muss. Das Zusammenspiel der Erkenntnis mit Praxis, existenzialistisch gefasst, ist demgegenüber sein Anliegen, wobei er selbst wiederum ganz traditionsmarxistisch Praxis mit „Arbeit“ in einem ontologischen Sinne verbindet. Es ist nach Sartre das Denken der herrschenden Klasse, dem der herkömmliche Marxismus aufsitzt in Form einer materialistischen kontemplativen Ideologie. Hingegen sei das Proletariat dazu prädestiniert, sich zu engagieren, auch wenn es der erkenntnistheoretisch-marxistischen Fundierung bedürfe.
Phänomenologie, sein eigener Existenzialismus und ein marxistischer Begriffsschematismus werden nun bei Sartre wie folgt verknüpft. Gefordert sei eine Erkenntnistheorie, „die nachweist, dass menschliche Realität Tätigkeit ist und dass  tätige Bearbeitung der Welt mit dem Verständnis dieser Welt, wie sie ist, zusammenfällt“ (Sartre zit. n. Dallmayr, 1977, 33). Sein bzw. marxistisch verstandenes Sein, Materialität, wird so in Sartres verkürztem Verständnis letztlich in existenzialistisch verstandenes Bewusstsein aufgelöst, und zwar mit der Konstruktion der Möglichkeit eines völlig anderen Entwurfs von Gesellschaft, vom Proletariat ausgehend. Deshalb müsse der Marxismus eine Theorie der Transzendenz sein. Dallmayr kommentiert dazu, dass Sartre „auch in der Nachkriegszeit dem radikalen Freiheitsbegriff seiner Frühschriften im Grunde treu (blieb), obwohl der Begriff jetzt durch die Betonung der Arbeit stärker mit der Wirklichkeit vermittelt wurde. Die Einbürgerung dieses Freiheitsbegriffs in den Marxismus hat aber ernste Konsequenzen, - Konsequenzen, die Sartre zu erwähnen verabsäumt. So wie das phänomenologische Frühwerk durch den Gegensatz von Bewusstsein und Dingwelt geprägt war, so ist auch jetzt revolutionäre Praxis nur auf dem Hintergrund dauernder Ausbeutung sinnvoll, so wie in >Sein und Nichts< Bewusstsein als >Für sich< trotz eifriger Bemühungen niemals mit dem >An-Sich< verschmelzen konnte, so kann auch in >Materialismus und Revolution< der Klassenkampf nie zum Erlahmen kommen. Sartres geschichtliche Perspektive visiert daher nicht so sehr eine klassenlose Gesellschaft an, als ein Abwechseln verschiedener Varianten des sozialen Sadismus und Masochismus. Seine späteren Schriften haben dieses Dilemma vielleicht abgemildert, aber nie ausgeräumt“ (Dallmayr, a.a.O., S. 34 f.). Irgendwie muss es immer etwas geben, über das „hinauszugehen“ ist; das gehört zum Sartreschen Philosophiekonzept schlechthin.
Sartre bleibt somit aus meiner wert-abspaltungskritischen Sicht in einem ontologischen Denken und prinzipiell in einem unauflösbaren Subjekt-Objekt-Dualismus befangen. Auch noch in seiner Marxismus-Emphase muss er der existenzialistischen Tat, dem Entwurf, der im Grunde immer derjenige einer Arbeits-Tat ist,  letztlich die Stange halten. Dallmayr bemerkt, dass Sartre hinter den vergleichbaren Aufsatz „Geschichte und Klassenbewußtsein“ von Lukács „in manchen Punkten - etwa im individualistischen Akzent und in der Begriffsschematik - zurückfällt“ (a.a.O., S. 35). Allerdings konkretisiert Dallmayr dies nicht, schon gar nicht im Hinblick auf die gesellschaftliche Form, die Wertform bzw. Wert-Abspaltungsform, wie ich dies nun zunächst anhand eines zentralen Gedankens von Lukács schlaglichtartig versuchen will. 
Zwar ist auch Lukács zweifellos ein Klassenkampf-und Arbeitsapologet im Sinne des Traditionsmarxismus. Dennoch hat er in seinem berühmten Verdinglichungsaufsatz (1923/1967) als erster das Problem der übergreifenden Fetischform der Ware umfassend thematisiert, die sowohl Kapitalist als auch Proletarier übersteigt und eben nicht im Sinne eines billigen immanent-funktionalen Widerspruchs zu fassen ist. Insofern kann auch nicht das Objekt, wie letztlich bei Sartre, ins Subjekt aufgelöst werden, sondern es sind Vermittlungen vonnöten, die einem traditionell Basis-Überbau-Schema im Sinne einer simplen Widerspiegelungstheorie entgegenstehen. Zentral ist dabei die geschichtliche Perspektive. So schreibt Lukacs etwa: „ Es darf (…) nicht vergessen werden, dass Unmittelbarkeit und Vermittlung selbst Momente eines dialektischen Prozesses sind, dass jede Stufe des Seins (und des begreifenden Verhaltens zu ihr) ihre Unmittelbarkeit hat, in dem Sinne der Phänomenologie (Hegels, R.S.), wo wir dem unmittelbar gegebenen Objekte gegenüber, uns ebenso unmittelbar oder aufnehmend verhalten, also nichts, wie es sich darbietet, zu verändern haben. Das Hinausgehen über diese Unmittelbarkeit kann nur die Genesis, die >Erzeugung< des Objekts sein. Dies setzt hier aber voraus, dass jene Vermittlungsformen, in denen und durch die über die Unmittelbarkeit des Daseins der gegebenen Gegenstände hinausgegangen wird, ALS STRUKTIVE AUFBAUPRINZIPIEN UND REALE BEWEGUNGSTENDENZEN DER GEGENSTÄNDE SELBST AUFGEZEIGT WERDEN, dass also gedankliche und geschichtliche Genesis (anders als bei Hegel, R.S.) - dem Prinzip nach zusammenfallen“ (Lukács, 1967, S. 171; Hervorheb. i. Original).
Lukács geht es so nicht schon immer um einen objektiv veranschlagten Marxismus, sondern er geht über den notorischen äußerlichen Dualismus im traditionellen Marxismus von Materialismus/objektiven Strukturen einerseits und Subjektivität/Bewusstsein andererseits in der dialektischen Vermittlung hinaus. Auch wenn er dabei aufs Proletariat als immanente Kraft setzt, ist er zumindest in diesem berühmten Aufsatz dennoch der Unmittelbarkeit nicht in demselben Maße ausgeliefert wie der Existenzialismus grundsätzlich. Sartre geht es selbstredend schon immer mit Heidegger um den abstrakten Menschen in der Welt, d.h. eigentlich um den unmittelbar und schlechthin „seienden“ Mann auf der Straße; seine Philosophie ist ohne diese Figur nicht denkbar und setzt bei ihr unmittelbar „praktisch“ an. Sein Totalitätsbegriff bzw. sein Begriff der konkreten Totalität als „synthetischer Totalität“ hat so  immer schon diesen „unmittelbaristischen“ Bezug, und zwar auch dann, wenn er die gesamte Menschheit im Blick hat und deren Existenz von eben diesem selber abstrakten Ausgangspunkt her überstiegen werden soll. Entscheidend ist so bei Sartre und dann eben auch bei de Beauvoir eigentlich eine Betroffenheitsideologie vor dem Hintergrund einer abstrakt gesetzten „Existenz“, die im Grunde ohne grundsätzlichen Bezug auf eine gesellschaftlich-historisch konstituierte Außenwelt im Sinne einer fetischistischen Verfasstheit auskommt.
Für Sartre ist der Existenzialismus ein (abstrakter) Humanismus; das Individuum an sich, der „Mensch“ auch im Sinne der Menschheit überhaupt, wird hier in falscher Unmittelbarkeit am Portepee gepackt. Bei Frauen fällt dies aufgrund der patriarchalen Geschichte vielleicht auf besonders fruchtbaren Boden, wobei man allerdings sagen muss, dass diese unmittelbare Betroffenheit im Sinne des Existenzialismus wenig rührselig ausfällt und tendenziell in einem Pessimismus, so bei de Beauvoir geradezu in einer Anklage „der Frau“ endet, die sich in der Immanenz zufrieden gibt. Was dabei angeklagt wird, ist aber verborgen auch in den eigenen theoretischen Voraussetzungen enthalten. Denn von diesen her kann sich die Frau den Verhältnissen sadomasochistisch-immanent beugen, wie die existentialistisch-bekennend-demütige Mittäterschafts-These von Thürmer-Rohr bezeugt, die das Problem nicht strukturell-sachlich in einem gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang verorten kann, der auch der subjektiv-bekennenden Mittäterschaftsfrau vorgelagert ist und eigentlich zu kritisieren wäre.

Geschlechterverhältnis und gesellschaftliche Struktur

Die Wert-Abspaltungskritik geht bekanntlich davon aus, dass als weiblich bestimmte Reproduktionstätigkeiten (Hausarbeit, „Liebe“, Hege, Pflege), aber auch entsprechende Haltungen (etwa Fürsorglichkeit) und minderbewertete Eigenschaften wie Sinnlichkeit, Emotionalität, Charakter- und Verstandesschwäche etc. eben vom Wert und der abstrakten Arbeit, die sich mit dem Kapitalismus ebenso erst konstituiert haben, abgespalten und den Frauen zugewiesen werden. Derartige Zuschreibungen charakterisieren auch wesentlich die symbolische Seite des warenproduzierenden Patriarchats, eine Seite, die durch das Marxsche Begriffsinstrumentarium nicht erfasst werden kann. Ebenso muss, sozialpsychologisch gesehen, das männliche Kind sich von der Mutter abwenden und eine Abspaltung/Abwertung des  Weiblichen vollziehen, um eine männliche Identität ausbilden zu können; wohingegen sich das Mädchen mit der fürsorglichen Mutter identifizieren muss, um zur „Frau“ zu werden.
Die geschlechtliche Abspaltung ist nun notwendig gleichursprünglich mit dem Wert gesetzt, gehört zu ihm und ist seine stumme Voraussetzung, ohne die er nicht existieren kann, gleichzeitig ist sie sein Anderes und als solches von ihm bzw. seinen „Subjekten“ unerkannt. Das eine kann somit nicht aus dem anderen abgeleitet werden, sondern beide Momente gehen auseinander hervor und begründen so eine historisch-dynamische Vorwärtsspirale der Gewinnung von Mehrwert, die historisch einzigartig ist. Dabei geht diese Wert-Abspaltung als Grundprinzip durch alle Sphären und Bereiche, sie kann also nicht mechanisch in den Gegensatz der Sphären von Privatheit-Öffentlichkeit, Produktion-Reproduktion aufgeteilt werden. Auch wenn Frauen heute „doppelt vergesellschaftet“ werden, somit für Familie und Beruf gleichermaßen als zuständig gelten, wie Becker-Schmidt sagt, und sie zu einem Gutteil in die offizielle Gesellschaft eingebunden sind, bleiben sie immer noch im Gegensatz zu Männern primär für Haushalt und Kinder zuständig, verdienen sie weniger als Männer, obwohl sie diese im Bildungsniveau überflügeln, und müssen sie mehr kämpfen, um in die oberen Etagen zu gelangen. Noch im heutigen Ruf nach der Quote scheint eher eine traditionelle patriarchale Imagination auf, wonach die Frau in der Krise zur allzuständigen „geborenen Trümmerfrau“ des Sozialen erklärt wird, wenn das warenproduzierende Patriarchat aus den Fugen gerät. In diesem Zusammenhang wäre auch ein gesellschaftliches androzentrisches Unbewusstes zum Thema zu machen, das patriarchal-warenproduzierende Verhältnisse noch heute ermöglicht.
„Die Frau“ im materiellen, sozialpsychologischen und kulturell-symbolischen Gewebe der Wert-Abspaltung als Grundprinzip steht somit in anderer Weise sowohl der Unmittelbarkeit als auch dem vermittelten Gesamtzusammenhang gegenüber, als es bei de Beauvoir erscheint, die eine abstrakte „Existenz“ zum gesellschaftlich unbestimmten Urgrund macht, wenn sie, zwischen Biologiebezogenheit und deren Relativierung changierend, schreibt: „(Es) müssen die biologischen Gegebenheiten im Licht eines ontologischen, ökonomischen, sozialen und psychologischen Zusammenhangs untersucht werden. Die Unterwerfung der Frau unter die Art und die Grenzen ihrer individuellen Fähigkeiten sind außerordentlich wichtige Tatsachen; der Körper der Frau ist eines der wesentlichen Elemente für die Situation, die sie in der Welt einnimmt. Aber andererseits genügt er auch nicht, um sie zu definieren; er hat nur gelebte Realität, sofern er vom Bewusstsein durch Handlungen und innerhalb einer Gesellschaft bejaht wird. Die Biologie reicht nicht aus, um eine Antwort auf die Frage zu geben (…): warum ist die Frau das Andere“ (Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, 2008, Hervorheb. i. Orig.). Die ahistorische Abstraktheit des Ausgangspunkts und die damit verbundene Unbestimmtheit des Gesellschaftlichen lassen de Beauvoir die Projektionen auf das Biologische nur unzureichend erfassen.
Dennoch gehören auch ihre Texte zu den theoretischen Voraussetzungen der Wert-Abspaltungskritik, die ja die Abspaltung des Weiblichen als das „Andere des Werts“ bestimmt und damit durchaus einen Grundgedanken de Beauvoirs aufnimmt. Der Begriff des Anderen in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse bleibt dabei jedoch nicht in existenzialistischer Unmittelbarkeit sozusagen in der Luft stehen, sondern wird in die spezifisch-historische Konstitution des Kapitals und deren strukturell-prozessualen Zusammenhang eingeordnet, sodass es auch nicht mehr allein um das Geschlechterverhältnis als solches geht, sondern ausgehend von der Wert-Abspaltung als Grundprinzip um den „struktiven Aufbau“ des gesellschaftlichen Fetischverhältnisses als Ganzem.
Gemeinsamkeiten mit de Beauvoir sind hierbei, dass der Mann als (allgemeines) Subjekt und die Frau als das Besondere in der kapitalistisch-patriarchalen Realität firmieren sowie entsprechende Bewertungshierarchien aufgemacht werden. Das betrifft natürlich auch das Verhältnis von offizieller Produktion (in der von mir vertretenen Diktion mit Marx als abstrakte Arbeit gefasst) und „Hausarbeit“ als komplementärer Tätigkeit zur Bestimmung von männlicher Allgemeinheit und weiblicher Besonderheit. Ebenso teilt die Wert-Abspaltungskritik mit de Beauvoir die radikale Kritik und Verweigerung der Frauenrolle; heute also auch der Zumutung, für Familie und Beruf gleichermaß zuständig sein zu sollen, um in der Post-Postgesellschaft leistungsstarke perfekte Mittelschichtskinder in die Welt zu setzen. Weiterhin trifft sich Simone de Beauvoir mit der Wert-Abspaltungstheorie darin, dass die Zwangsheterosexualität in Frage gestellt wird, ohne indes die Existenz eines geschlechtlichen Körpers überhaupt zu leugnen; auch wenn de Beauvoir dabei teilweise noch falsche ontologisch-biologische Grundlagen annimmt, die sie von einem ebenso falschen radikalen Konstruktivismus aus angreifbar gemacht haben.
Ganz entschieden stimmt die Wert-Abspaltungskritik mit de Beauvoir darin überein, dass das bestehende Geschlechterverhältnis nach wie vor als hierarchisches thematisiert werden muss; allerdings eben in der Rückführung auf die spezifische gesellschaftliche Formbestimmtheit und nicht abstrakt-existenzialistisch davon getrennt. Das ist noch in der Kritik an de Beauvoir dennoch ein gemeinsamer klarer Gegensatz zum heute dominierenden Denken eines Dekonstruktivismus, der die harten Hierarchien systematisch verschwiemelt. Schließlich kritisiert die Wert-Abspaltungskritik mit de Beauvoir auch eine klassisch-feministische Differenzperspektive, allerdings nicht im Kontext eines Gleichheitsdenkens, sondern indem sie eine Überwindung von abstrakt-bürgerlicher Gleichheit, biologistischer Differenz und postmodern-affirmativer Dekonstruktion gleichermaßen anstrebt.

Geschlechterverhältnis und Geschichte

Entscheidend für ein zureichendes Verständnis der modernen (und postmodernen) historischen Entwicklung ist die übergreifende, an sich selber prozessierende Struktur des Wert-Abspaltungsverhältnisses, auch wenn dieser Zusammenhang nicht unabhängig von den Handlungen der Individuen existiert; auch bei Marx ist ja der verselbständigte Fetisch-Zusammenhang von den Menschen selber erzeugt und gemacht, wenn auch bewusstlos. Aus der Sicht der historisch-prozessual orientierten Wert-Abspaltungskritik war nun die Rezeption von de Beauvoir bedeutsam für die Widerspruchsbearbeitung in einer bestimmten Phase des Kapitalismus, nämlich dem Übergang vom Fordismus zum Postfordismus.
Der noch nicht auf das Ganze des Kapitalfetischs bezogene weibliche Drang zu einer bestimmten Art von Transzendenz kam so ungewollt der immanenten Entwicklung zu pass. Susanne Moser stellt fest: „Der Existenzialismus hat vieles von dem vorweggenommen, das bis heute an der Tagesordnung ist: Keine gottgewollte Ordnung bestimmt mehr den Platz, den der Einzelne einnimmt. Der Platz in der Gesellschaft muss erkämpft werden…Wir müssen uns alle selber finden, vom Job bis zum Sinn in unserem Leben. Was also damals, in der Zeit Beauvoirs noch rein theoretisch diskutiert wurde, ist heute Realität geworden“ (2008).
Nach einer nachdrücklichen Feier Simone de Beauvoirs in den1970erJahren veränderte sich die Bewertung ihrer Ansichten nach einer Phase des Differenzfeminismus ins Negative, insofern in einer Queer-Politik und Queer-Theorie Geschlecht nun gänzlich kontingent veranschlagt wurde und manche in einer platten Szene-Ausdeutung der Theorie von Judith Butler gar bis heute meinen, das Geschlecht ließe sich wie die Kleider wechseln. Dabei hat Gender mit Queer den grundsätzlichen Gedanken der Bedeutungszuweisung und „Herstellung von Geschlecht“ vor dem Hintergrund einer gegenüber der kapitalistischen Form weitgehend unkritischen Hypostasierung von Kultur und Sprache gemein.
De Beauvoir wird dabei der Reifikation von Zweigeschlechtlichkeit geziehen. So schreibt Butler: „Die diskursive Konstruktion des >Körpers< und seine Trennung von der >Freiheit< bei Beauvoir ist nicht imstande, jene Geist-Körper-Unterscheidung, die das Fortbestehen der Geschlechter-Asymmetrie (gender asymetry) erhellen könnte, an der Achse Geschlechtsidentität entlang zu markieren“ (Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, 1991, S. 31 f.). Ergo: De Beauvoir wird vorgeworfen, dass sie nicht völlig die kulturelle Gender-Schiene, wie Butler sie als entscheidende veranschlagt, hypostasiert! Ganz im Gegenteil ist aber die Analyse von de Beauvoir mit ihrem Beharren auf der Thematisierung realer Hierarchien eine Voraussetzung, um die grundsätzliche patriarchale Verfasstheit des Kapitalismus zu erhellen. Diese kann nicht in einer dekonstruktivistischen oberflächlichen Durchmischung außer Kraft gesetzt werden; ganz davon abgesehen, dass Butler selbst diesem Geist-Körper-Dualismus anheimfällt, wenn sie davon ausgeht, dass sex immer schon gender sei und bei ihr die Kultur ganz klassisch-patriarchal über Natur in undialektischer Weise obsiegt und die Hauptmacherin ist. Obwohl de Beauvoir tatsächlich vor ihrem existenzialistischen Hintergrund letztlich zu einer biologisch-ontologischen Sichtweise des hierarchischen Geschlechterverhältnisses neigt, was zu kritisieren ist, hat sie dennoch damit, dass sich in dieser Asymmetrie gender für sie nicht widerspruchslos reimt, mehr recht als Butler mit ihrer allzu glatten kulturalistischen Analyse.
Zwar kritisiert Butler an de Beauvoir ebenso wie ich das humanistisch-existenzialistische Subjektverständnis, aber mit einem ganz anderen und geradezu entgegengesetzten Begründungszusammenhang. Für Butler ist die gesellschaftliche Totalität, insbesondere in „Gender Trouble“, gewissermaßen bloß eine Sprach- und Diskurstotalität. Ein umfassendes Verständnis der Totalität als Subjekt-Objekt-Dialektik des fetischistischen Formzusammenhangs fehlt; ja bei Butler findet sich geradezu eine bloße Umkehrung des Basis-Überbau-Schemas, indem Kultur, Diskurs und Sprache gewissermaßen zum Unterbau materieller Realitäten gemacht werden, wie häufig mit Recht konstatiert wurde. So ist ihre Theorie letztlich falsch und „übergeschnappt“ in einer Ontologie des Kulturellen, wie sie postmodern-gesättigt üblich ist, die das reale gesellschaftliche Verhältnis in seiner fetischistischen Vermitteltheit als Wert-Abspaltungsvergesellschaftung nicht zu thematisieren vermag. (Kulturelle) Identität überhaupt bzw. kulturelle Geschlechtsidentität/Gender ist dagegen für die Wert-Abspaltungskritik nicht das allererste Problem. Ihr geht es zunächst einmal um die grundsätzliche Form der Wert-Abspaltung als gesellschaftliches Basisprinzip, das als solches selbst erst „objektive Daseinsformen“ (Marx) konstituiert und daher auch die Voraussetzung kultureller Identitätsbildungen ist. Ohne die Kritik und Analyse dieser Voraussetzung hängt der Dekonstruktivismus genauso in der Luft wie der Existenzialismus.

Warum eine Reminiszenz an de Beauvoir heute?

Gegenwärtig erscheinen Aufsatzsammlungen mit Titeln wie „ Alles Gender?“ „Gender in Motion“, „Was kommt nach der Genderforschung?“ usw., auch wenn die allgemeine langweilige Konsequenz dann lautet: Nach der Genderforschung ist vor der Genderforschung. Aber „Gender“ ist offenbar irgendwie abgenudelt. Im Nachhinein scheint es mir ein bloß wohlfahrtsstaatliches Theorie-Ideologem zu sein, passend zu einer Phase, in der sich Frauen Teilnahmerechte erstritten hatten und auf dieser Grundlage mit der Annahme, es werde wohl so weiter gehen, eine eher phlegmatische Haltung an den Tag legten. Heute wird eine sträfliche Vernachlässigung der nach wie vor hierarchischen Geschlechterdimension deutlich. Nachdem diese Problematik schon fast als „gegessen“ betrachtet worden war, wird heute deutlich, dass Geschlechterstrukturen und Geschlechtsidentitäten offenbar tiefer sitzen, als man angenommen hat, auch wenn es bürgerlichen Alphamädchen erst einmal vorbehalten war, ein derartig affirmatives, mit dem Neoliberalismus kompatibles „Unbehagen“ zu formulieren.
Hinzu kommt noch, dass die allgemeine gesellschaftliche Krisensituation, die auch Mittelschichts-Individuen immer mehr den Absturz ahnen lässt, einen Rekurs auf materielle Ebenen nahelegt, der einer kulturalistischen Queer- und Gender-Perspektive nicht nur fehlt, sondern aus dieser Sicht auch kulturalistisch-arrogant lange Zeit als sekundär abgetan wurde. Den VertreterInnen dieser Haltung schwimmen nun die Felle davon, und so wird hurtig wieder die materielle Ebene entdeckt, die auf einmal angeblich wunderbar mit dem dekonstruktivistischen Denken zur Deckung zu bringen sei. Dabei wird unterstellt, dass unterschiedliche feministische Konzepte angeblich sowieso im Grunde alle dasselbe wollen. Der viel beschworene Respekt vor der Differenz, den Unterschieden zwischen den einzelnen Konzepten, wird so genau in dem Moment, wo er sich nicht mehr in einem unverbindlichen Pluralismus erschöpfen kann, eklektisch eingeebnet, um eben die Unterschiede in einem nach wie vor postmodernen „Anything goes“ unterzupflügen. Unterschiedliche Theoriekonzepte sollen geradezu gewaltsam kompatibel gemacht und unter ein postmodern zurechtgeschneidertes Versöhnungsmäntelchen gebracht werden.
Und genau in diesem Zusammenhang taucht auf einmal auch die mittlerweile jahrzehntelang vernachlässigte, ja sogar sowohl von einem Differenz- als auch einem Dekonstruktions-Feminismus geschmähte Simone de Beauvoir wieder als diskutable Grundlage auf : „Wegen ihres Infragestellens der überzeitlichen und überregionalen Kategorie(n) >Frau< (und >Mann<), dem Ablehnen einer Basis, die allen Frauen gemein ist, wurde Butler vorgeworfen, dass dieser Standpunkt es unmöglich mache, die Unterdrückung der Frauen in der Gesellschaft wirkungsvoll zu bekämpfen. Hier ist wieder ein Blick auf Beauvoir hilfreich. Sie belegt auf verschiedene Weise das Gegenteil: Einerseits und ganz praktisch hat ihr Buch gerade den Kampf für die Gleichberechtigung von Mann und Frau befeuert. Andererseits leugnet sie mit dem grundlegenden Anzweifeln einer >natürlichen< geschlechtlichen Basis eben nicht, dass es derzeit tatsächlich und ganz real in dieser Gesellschaft Männer und Frauen gibt und dass ein dauerhaftes offensives Streiten notwendig ist, um Diskriminierungen von Frauen und Gewalt gegen Frauen zu beenden. Es muss also um ein Miteinander dieser beiden Perspektiven gehen, will man einerseits den aktuellen Bedürfnissen von Menschen Rechnung tragen (und dabei auch wirksam gegen aktuell stattfindende Benachteiligungen und Gewalt vorgehen) und andererseits am Ziel eine künftigen besseren Gesellschaft festhalten, in der patriarchale und kapitalistische Herrschaftsverhältnisse überwunden werden“ (Voß, 2011, S. 15).
Dass de Beauvoir den biologischen Körper dabei äußert ambivalent veranschlagt hat, lässt Voß einfach außen vor. Silvia Stoller schreibt: „Zu Beauvoirs Zeiten gab es gravierende Ungleichheiten, daher war eine Gleichheitsforderung wichtig - und wir können noch immer nicht darauf verzichten Aber auch ein Differenzdenken ist heute wichtig. In Zeiten, in denen Pluralität ein positiver Wert ist, müssen wir einen Begriff von Differenz haben. Das Problem aber ist, dass man mit der Differenz sehr sträflich umgeht (…) Es gibt den Zwang, andere anzugleichen - etwa wenn man ein Kopftuch trägt, kein Deutsch spricht oder was auch immer. Insofern denken wir Differenz noch nicht radikal genug. Und zu guter Letzt können wir auch auf die Gedanken rund um die Konstruktion nicht verzichten. Butler hat uns gelehrt, hinter das Offensichtliche zu schauen. Sie zeigt uns, dass das allzu >Natürliche< nicht natürlich ist und etwa Fragen zu stellen wie: Wer ist jetzt wirklich eine Frau? … Jede dieser theoretischen Analysen und Forderungen ist heute aktuell…Wenn man Dekonstruktionstheoretikerin war, durfte man (in den Neunzigern, R.S.) kaum den Begriff Differenz von Irigaray ins Spiel bringen. >Differenz< rief gleich die Vorstellung von >Zweigeschlechtlichkeit<, >Heterosexualität<, >Konservativität< usw. hervor. Ich habe diese negative Bewertung nie verstanden, denn die Pluralität, die die Konstruktionstheoretikerinnen einfordern, baut doch auf Differenz auf. Ohne Differenz gibt es keine Pluralität“ (Stoller, 2011).
Statt die verschiedenen verkürzten Perspektiven im Feminismus zu überwinden und zu einer neuen Sicht auf der Höhe der Zeit zu gelangen, wird hier eklektisch die gleichberechtigte Akzeptanz und gleichzeitig ein konziliantes Sehen von Überlappungen proklamiert, wobei die Geschlechterdifferenz gewissermaßen kontingent, als Differenz neben anderen erscheint.
Wenn die Lebenssituation prekärer und es im buchstäblichen Sinne „existenzieller“ wird, bringt es gerade diese Krisenentwicklung mit sich, dass ein abstrakter universalistisch-geeichter und mitunter auch seichter Phänomenologismus wieder vermehrt angesagt ist. Auch in diesem ideologischen Kontext ist eine erneute Rückbesinnung auf de Beauvoir zu sehen, gerade hinsichtlich ihrer problematischen philosophischen Grundlagen. „Der Mensch in der Welt“, die absurdeste Fragestellung überhaupt, ist nicht von ungefähr wieder aktuell geworden; sogar noch gegen den Poststrukturalismus gewendet, wobei heute die Entfremdungsproblematik mit Neu-Stratifizierungen jenseits der traditionellen Klassengesellschaft zusammenschießt. So findet auch wieder verstärkt ein Rekurs auf Heidegger im Original statt im Zuge einer Angst der Mittelschichten vor dem Absturz. Und auch da, wo Heidegger nicht explizit erwähnt wird, bemüht man im Grunde seine Fragestellungen und die dementsprechende Herangehensweise. Auch Carl Schmitt und sein Dezisionismus feiern schon seit längerem fröhliche Urständ im post-foucaultschen Zeitalter. Eine sanguinisch-postmoderne Heidegger-Rezeption im Sinne des „Vive la Difference“ mit Rekurs etwa auf Derrida, der Heidegger noch mit dessen eigener Metaphysikkritik überflügeln wollte, scheint dagegen auszulaufen; sie scheint noch der konsumbasierten Phase im postfordistischen Finanzblasen-Kapitalismus angehört zu haben.
In diesem Zusammenhang scheint es mir auch so zu sein, dass Sartre, aber eben auch de Beauvoir, heute in einer gleichsam linksphänomenologisch-existenzialistischen Wendung gerade mit ihren problematischen philosophischen Ideen wieder auftauchen. So etwa auch im „antideutschen“ Kontext, was die Analyse des Antisemitismus betrifft, als ließe sich ein gefährlicher Antisemitismus als Krisenideologie aus faschen Abstraktionsängsten heraus, die selbst antisemitisch vermittelt sind, überhaupt im Kontext von „entscheidungsphilosophischen“ Fragestellungen beantworten. In der konkreten historischen Situation der Zwischenkriegszeit war noch die Alternative zwischen dem Nationalsozialismus und einem stalinistisch verfassten „Realsozialismus“ (der anders geartet selber antisemitische Züge aufwies) gegeben. Deswegen kann jedoch nicht eine dezisionistische Analogie aufgemacht werden, ausgehend von einer abstrakten Existenz als allgemeinem Urgrund, der einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik unterlegt bzw. ihr zu entscheidenden Teilen beigemengt ist. Auch wenn die tatsächlichen Entscheidungsmöglichkeiten so im Konkreten nicht immer bestimmt sind, sie bewegen sich schon immer als solche innerhalb eines fetischistischen Zwangszusammenhanges, der auch diese Entscheidungen bedingt, selbst wenn sie nicht darin aufgehen und die Verantwortung in diese verschoben werden kann.
Voluntaristische Haltungen werden heute sowohl via Situationismus (bzw. Neosituationismus respektive Vulgärsituationismus - siehe den Bestseller „Der kommende Aufstand“ mit gefährlicher Nähe zum Sorelismus) neu legitimiert als auch bei Teilen der „Antideutschen“, die eine abstrakte „Entscheidung“ begründungs- und vermittlungslos in den Raum stellen (für oder gegen den Sozialismus, in Wahrheit für oder gegen die kapitalistische Aufklärungsvernunft). Nicht zufällig gibt es bereits Kongresse zur Vereinbarkeit, aber auch Differenz von Sartre und Adorno, wobei ein grundsätzlicher Versöhnungswille schon im Programm deutlich wird, statt die Differenz neu auszutragen. Eine Verantwortung der Individuen für die gesellschaftliche Entwicklung ließe sich stattdessen erst in einem fetischismuskritischen Reflexionszusammenhang bestimmen, der eine Dialektik von Struktur und Handlung in diesem Sinne (also die blinde Voraussetzung der gesellschaftlichen Formen einbeziehend) keineswegs leugnet.
Nahezu gänzlich unbeachtet, und darauf kann ich hier leider nicht ausführlicher eingehen, ist der „Zigeuner“/die „Zigeunerin“ als Untermensch/Nichtmensch/homo sacer par excellence in der Konstitution der Moderne. Zwar wird der Antiziganismus als Variante des Rassismus endlich vermehrt thematisiert, aber eben kaum in seiner ganzen Tragweite. Sinti und Roma bilden in der Modernisierungsgeschichte als per se für vogelfrei erklärte Populationen eine notwendige Voraussetzung der Wert-Abspaltungsverhältnisse, indem sie in extremer Weise eine „existenzielle“ Abstoßungsdimension markieren und dies auch „wahllos“ zu spüren bekommen. Diese Grundlage bleibt als solche weithin unerwähnt, gerade wenn sie als Angstideologie auf die heutige potentielle Absturz-Situation der Mittelschichten projiziert wird (Vgl. Scholz 2007).
In diesem Kontext halte ich es für eine Illusion und eine Rationalisierung, die gewissermaßen existenzielle Frage nach der Überwindung des fetischistischen Wert-Abspaltungsverhältnissees, die als (immer auch praktisch-unmittelbare) Subjekt-Objekt-Frage nicht zuletzt und gerade in der „Zigeuner“-Verfolgung in Erscheinung tritt, zu ignorieren oder „existenzideologisch“ ins Subjekt aufzulösen. Stattdessen muss der Spagat zwischen Subjekt und Objekt in einem historisch verstandenen Sinne, der die Unmittelbarkeit in einem praktischen Verständnis vermittelt einschließt, ausgehalten werden, um zu einer konkret-historischen Transzendierung zu gelangen. Strukturell ist somit unbedingt die Wert-ABSPALTUNGS-Vergesellschaftung als Voraussetzung zu nehmen, zunächst einmal ungeachtet der empirischen Frauen (und Männer), die zwar individuell darin nicht aufgehen, sich aber dennoch diesem gesellschaftlichen Konstitutions-Zusammenhang nicht entziehen können. Die fetischistische gesellschaftliche Synthesis der Moderne in ihrer konkreten Totalität bildet überhaupt den tieferen Grund, warum die abstrakte Fragestellung nach „der“ Existenz „des“ Menschen in der Welt eigentlich auftaucht; denn einen unhistorisch-abstrakten Menschen gibt es so gar nicht. Das an sich absurde Problem ist selber erst konkret-historisch und logisch aus der Wert-Abspaltung und ihrer Geschichte zu erklären.
Hieraus folgt auch eine Perspektive der Kritik, ich möchte das nochmals betonen, die sich jenseits von kapitalistisch bestimmter Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion, also auch jenseits existenzialistischer oder sonstiger Attitüden orientiert, um den Weg für ein radikal Anderes zu öffnen. Es gilt sowohl den Ideologien und Abstraktionen einer falschen Transzendenz-Vorstellung als auch denjenigen einer ebenso falschen Immanenz-Bestimmung zu misstrauen, die ihre eigenen Voraussetzungen nicht kennen - so sympathisch einen der schwarze Rollkragenpulli und die filterlosen Gauloises der französischen Existenzialisten auch anmuten mögen. Heute allerdings würde hier bloß die Gauloises-Existenz gegen eine Heideggerische Kräuterexistenz ausgetauscht. „Existenz“ gibt es für uns jedoch real nur innerhalb der fetischistischen Wert-Abspaltungs-Bedingungen und nicht als ontologische „Geworfenheit“, deren Begriff selbst schon immer primär mittelschichts-präfiguriert ist. Dass ein ahistorischer „Existenz“-Begriff immer wieder notwendig aufrecht erhalten werden müsse, ist ein Selbstmissverständnis des Bewusstseins dieser Verhältnisse, das scheinbar ontologischer Untermauerung bedarf.
Dabei ist der gerade nicht unmittelbar-empirisch zu erfassende Zusammenhang der Wert-Abspaltung als gesellschaftliches Grundprinzip hervorzuheben. Dies auch unter dem Eindruck, dass grundsätzliche theoretische Erwägungen heute sowohl hinsichtlich des gesellschaftlichen Fetischismus als auch hinsichtlich des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses kaum mehr zu finden sind. Dass gerade Frauen nicht innerhalb der eigenen Sozietät versklavt wurden, wie de Beauvoir konstatiert, deutet auf die Relevanz des Körpers hin (vgl. De Beauvoir 2008, S. 15 ff.). Ein oberflächlicher Vergleich mit Juden und Schwarzen, wie de Beauvoir ihn vornimmt, mag zwar in gewisser Weise angebracht sein, trifft jedoch die Tiefendimension der Wert-Abspaltungsvergesellschaftung nicht. Die schiere „Existenz“ als äußerster Fluchtpunkt ist nichtssagend. Derartige (modisch gesprochen) „intersektionelle“ Fragestellungen können nur mit Bezug auf diese grundsätzliche Dimension und erst in diesem Zusammenhang auch in ihrer darin nicht aufgehenden Eigenbedeutung geklärt werden.
Dabei kann man sich jedoch offenbar in Zeiten postmoderner Diskurshegemonie die vermaledeite Frage nach dem Leib nicht mehr leisten; andererseits ist er in vielen Gender-Konzeptionen dennoch stumme vortheoretische Voraussetzung. Aus diesem Dilemma würden erst nicht-essentialistische und nicht-biologistische Reflexionen zu einer Sex-Gender-Dialektik herausführen, die allerdings nicht einfach in einer kulturalistischen Race-Class-Gender-Dimension aufgehen und deshalb auch keine Konjunktur haben. Die Kategorie „Geschlecht“ unterscheidet sich von derartigen Verständnissen radikal und kann nicht mit anderen Ungleichheitsformen „dekonstruktiv“ gleichgesetzt werden. Erst diese Einsicht würde eine Vermittlung der Geschlechterfrage mit letzteren als wirklich „anderen“ überhaupt erst möglich machen.
Wenn Lukács gefordert hat, gewissermaßen die „unmittelbare Unmittelbarkeit“ und die negativ-fetischistischen objektiven Strukturgesetze bzw. objektiven Aufbauprinzipien dialektisch vor einem materialistischen Marxschen Hintergrund zu vermitteln, so habe ich dies im Hinblick auf die historische Einschätzung de Beauvoirs im Kontext meiner Wert-Abspaltungs-Theorie in modifizierter Weise versucht. Um die damit bezeichneten Strukturen wirklich zu transzendieren, bedarf es der Einsicht in dieses konkret-historische Verhängnis anstatt existenzialistischer „Haltungen“, die in einem falschen Voluntarismus enden, der sich um die negative Objektivität nicht mehr schert.
Die Begrifflichkeit der Abspaltung bezeichnet die stumme Voraussetzung der Moderne als „Anderes“(hier spricht Simone de Beauvoir) der Warenproduktion und des Kapitalfetischs, und als solches stellt sie eben eine ganz andere grundsätzliche - gewissermaßen noch tiefer gelegene - Strukturebene dar, die über den Marxschen Fetischismusbegriff hinaus geht. Die Wert-Abspaltungsdimension umfasst so nicht bloß ein asymmetrisches Geschlechterverhältnis, sondern zielt auf die Gesellschaft als Ganzes. Transzendenz im Sinne der Wert-Abspaltungskritik ist daher etwas anderes als bei einer androzentrisch-universalistisch veranschlagten Wertkritik, aber auch etwas anderes als bei de Beauvoir. Insofern kann sich der Feminismus im Sinne der Thematisierung der Wert-Abspaltung als strukturangebendes Grundprinzip ein bloß plumpes Eingeständnis der Mittäterschaft, das letztlich verräterisch in die sachlich-neutrale Genderperspektive mündet, einfach nicht mehr leisten. Ebenso ist die Thematisierung dieses vorausgesetzten Prinzips (sofern sie um ihre Vermittlungen weiß) gerade notwendig, um der Relevanz der „anderen Anderen“ stattzugeben im Sinne einer eben nicht begriffs-hierarchisch minderbewerteten konkreten Totalität
Ich muss in diesem Sinne gegen alle Neuauflagen oder Variationen der abstrakt-ontologischen Existenzphilosophie darauf bestehen, wenn man will sogar selber aus individueller Notwehr im „existenzialistischen“ Sinne, dass ich als ein historisch gewordenes (weibliches) Individuum spreche und als eine Theoretikerin auf einer bestimmten historischen Vergesellschaftungsstufe, insofern auch in einer bestimmten „Situation“ im Verfall der fetischistischen und verselbständigten Wert-Abspaltungsvergesellschaftung. Dieser Bedingungszusammenhang hat mich erst hervorgebracht, auch wenn ich darin nicht aufgehe, sonst könnte ich nicht so sprechen. Aber die „Übersteigung“ dieser Bedingungen erfordert zunächst einmal überhaupt die Einsicht in diese komplizierte Subjekt-Objekt-Dialektik in der historischen Dimension, die nicht nur über mich als Individuum, sondern auch über eine imaginär veranschlagte abstrakte Menschheit in einem humanistischen Sinne hinausgeht.
Diese Subjekt-Objekt-Dialektik, die auch das in seinem So-Sein bornierte einzelne (Geschlechter-)Individuum konstituiert, muss in ihrer historischen Beschränktheit radikal-kritisch angegangen werden. Gerade in dieser Hinsicht ist man/frau heute auch „individuell“ sozusagen auf eine existenziell verlorene Position zurückgeworfen, die auch von einem kritischen Verständnis nicht ignoriert werden kann. Aber dieses Verständnis ist nicht durch Ignoranz der negativen Objektivität und ontologisch-existenzielle Kurzschlüsse zu gewinnen. Erst auf dieser widersprüchlichen Grundlage eines Willens zur Transzendierung, der um seine eigenen Bedingungen weiß, können wir überhaupt von einer wirklichen „Entscheidungsmöglichkeit“ reden, wenn diese nicht im Abstrakt-Unmittelbaren stecken bleiben soll. Dies gilt es sich insbesondere angesichts der heutigen, gerade auch subjektiv bedrohlichen objektiven Krisensituation auf die Fahnen zu schreiben.

Roswitha Scholz

 http://www.exit-online.org

mardi 20 décembre 2011

The American Section of the Situationist International

 Post Mortem Ante Facto and Address to the Public High School Students of New York
followed by
The Situationist International
the section's first and only journal
(January 2012)

 

The journal of the American section of the Situationist International – the group that best expressed the authentic content of the May 68 revolution – is the first work published by the CMDE in its “Night Awakeners” collection.
The American section of the Situationist International, composed of Robert Chasse, Bruce Elwell, Jonathan Horelick and Tony Verlaan, was formed at the end of 1968.
The writings that we will publish here are all unpublished in French and long ago out-of-print in English. The first of these documents, “Address to the Public High School Students of New York” is a detourned comic-strip in the vein inaugurated by the [European] situationists. The second, “Post Mortem Ante Facto,” a wall-poster created on the occasion of the inauguration of Nixon, is a critique with Swiftian accents of the spectacle of electoral politics. The third, the first and only journal of the American section, is divided into five sections. “Faces of Recuperation” demonstrates that a good appreciation of the works of the Great Soft Heads of the American intelligentsia, from Marcuse, doctor of speculation, to the con artist McLuhan, is superior to these works themselves.[1] “Certain Extraordinary Considerations on the Devolution of Capitalism and the Bureaucratization of Existence,” signed by Robert Chasse, exposes – in the form of theses – a proletarian critique of the bureaucracy and its attempt to pacify existence.[2] The third and fourth articles, "Territorial Planning" (a translation of Chapter VII of Guy Debord's The Society of the Spectacle) and "Population Control," illustrate how modern capitalism, the bureaucratic society of consumption, attempts to shape all aspects of life by urbanistic methods as well as genetics. The fifth, "The Practice of Theory," exposes in a detailed fashion the activity of the American section (the distribution of situationist texts in the United States; the American reception of Guy Debord's The Society of the Spectacle and Raoul Vaneigem's Traite de savoir-vivre[3]; the activities of the Council for the Liberation of Everyday Life; the role of American situationists in May '68 and their analysis of the events), provides a portrait of "Cohn-Bendit as Representation" and formulates diverse ad hominem critiques of the representatives of American Leftism in all its variants.
A preface written by the translator retraces the history of the American section, sometimes relying upon unpublished information, and recalls the troubled historical conditions in which its members deployed their seditious activity.
In this time of relative jugglers and contingent contortions,[4] here are authors whom one will not allow oneself to add to the soft paste of false eclectic interest, like the Badious, the Negris and the Zizeks.[5]
The American section of the Situationist International demonstrated how opposition to the existing order is falsified but also rediscovered. At the moment that a vast occupations movement has appeared in America (some of its participants are overtly inspired by the situationists), one will read these writings attentively. They testify to what the situationist adventure in America was.

[Translated by NOT BORED! on 8 December 2011. Footnotes by the translator.]

[1] Cf. Lautreamont, Poésies: “Judgments of poetry have more value than poetry.”
[2] Cf. Guy Debord's letter to Gerard Lebovici dated 29 September 1976 for more about “the bureaucratization of the world.”
[3] Translated in the 1960s as The Totality for Kids and in the 1980s as The Revolution of Everyday Life.
[4] Cf. Lautreamont, Poésies: “Personal poetry has had its day of relative jugglery and contingent contortions.”
[5] Cf. "Nos buts et nos méthodes dans le scandale de Strasbourg,” Internationale Situationniste, #11 October 1967: “On ne pourra pas se permettre de nous supporter, dans la pâte molle du faux intérêt éclectique, comme des Sartre, des Althusser, des Aragon, des Godard.” 

lundi 19 décembre 2011

La campagne « anti-fraude » est une chasse aux messies


Mort aux pauvres !

« Voler la Sécurité sociale, c’est trahir la confiance des Français. »
Déclaration de Xavier Bertrand, le 6 décembre 2011.

Grand Danube de la pensée sublime, sublime esprit et ancien Ministre du Travail, des Relations sociales et de la Solidarité, Ministre de la Santé et des Solidarités, Secrétaire d'État chargé de l'Assurance maladie, et actuel Ministre du Travail, de l'Emploi et de la Santé, ami des saints et saint homme lui-même.

 
L’objectif de cette campagne anti-fraude ne vise pas la fraude elle-même. Dans un pays dont la dette se chiffre en centaines de milliards d’euros, quelques millions égarés ne deviennent pas soudainement indispensables. Cette broutille, c’est seulement l’objectif officiel, rien de plus qu’une stratégie électorale. Ce qu’est cette campagne, c’est d’abord la diffusion d’un climat : No one is innocent. Afin de réhabiliter l’économie, on fabrique la figure du fraudeur en tant que trader du quotidien, on fait peser la responsabilité sur l’ensemble de la population. Mais, là où Jérôme Kerviel est excusable, encore aimable, le fraudeur est une pure perte — menace. Il ne fraude pas pour enculer l’État, ce qui est de bonne guerre, il fraude pour organiser la désertion. Dans cette campagne, et jusque dans la mise en scène du « triple A », il n’est donc pas tant question d’argent [L’enjeu « purement » économique autour du triple A n’est pas l’écroulement généralisé du système financier mondial, mais un bouleversement dans l’ordre des puissances économiques. En cela, l’actuelle rhétorique catastrophiste du pouvoir est avant tout une manœuvre préventive à l’encontre des possibilités de révolte d’une partie de la population des pays qui ont à « perdre ».] que d’une opération de maintien de l’ordre. Derrière la fraude, ça déserte et c’est ça que le pouvoir vise.
Plus qu’il ne vise, le pouvoir quadrille. S’il parvient à savoir où chercher, jamais il n’est assuré de savoir ce qu’il cherche. Ça reste flou, et ça l’angoisse. Alors il tranche. Il coupe. Recoupe. Condamne. Il incarcère. Non pas tant dans l’espoir de mettre dans le mille, que d’effrayer tous ceux qui hésitent encore ou découvrent seulement. Le fraudeur est une facette de l’ennemi intérieur.
Toute tentative d’éradiquer la fraude est pour nous l’obligation de lui donner des formes toujours plus collectives ; c’est tant mieux. En vérité, là où le pouvoir voudrait nous esseuler, en plus de nous pousser vers l’excellence collective, il vient mettre en lumière le sérieux de ceux qui désertent malgré tout.
Les désertions inquiètent car elles se manifestent de plus en plus inévitablement en leur caractère communiste. Ça ne déserte plus seul. Ça déserte de plus en plus longtemps. Ça déserte de mieux en mieux. Dans les faits, beaucoup n’en sont toujours pas revenus. Aux dernières nouvelles, ils disent ne pas vouloir ou ne pas pouvoir revenir. Dans les deux cas, une même bonne nouvelle : voici venu le temps de la rencontre. Chaque existence qui échappe à la modalité marchande se fait rencontre au sein de la fuite. Rencontre, ici et maintenant, c’est à dire élaboration collective d’une réalité autre : fuir son existence, ce n’est pas s’exposer au chaos, mais s’ouvrir à une réalité fondée sur la mise en partage.
La désertion n’est pas une fuite du monde. Fuir, plus qu’une société, plus qu’une époque, plus qu’une civilisation, c’est fuir un regard sur le monde. Le regard qui se porte sur le monde doit être interrogé d’un point de vue pratique : quel usage peut-on faire d’un tel regard ? Ce que nous fuyons, c’est la vision marchande qui contraint à l’usage individuel de la vie. Nous fuyons, mais seulement pour voir autrement. Jamais nous n’avons souhaité quitter le monde. Plus ça fuit et plus nous venons au monde. Plus nous venons au monde et plus le monde, que nous avons chacun haï, s’éloigne. Nous, c’est donc un regard qui vient au monde et par là-même éclate les vitrines.
Si le vol relève bien d’une situation d’extrême nécessité, celle-ci ne se réduit pas au moment où l’économie vient à faillir. Refus en acte de la propriété, ouvrant simultanément sur un possible usage collectif, la nécessité extrême du vol s’inscrit en faux contre la vision marchande vécue comme vision d’horreur. Elle est donc en même temps que la révélation individuelle de l’économie comme souffrance, un abandon collectif à l’apaisement de cette souffrance. En cela, le vol participe d’une gestuelle révolutionnaire au sein de laquelle l’usage prime sur la propriété, simplement parce que « la vie n’est donnée en propriété à personne, à tous en usage ».
Cette année à Noël, les seuls cadeaux qui auront de la valeur sont ceux qui auront été volés.

Indymedia Grenoble, 15 décembre 2011.

dimanche 18 décembre 2011

La vie de Château


Squatter un château,  la classe !


Béziers: Les squatteurs « invitent » la propriétaire du château à rester dehors
Une douzaine de personnes squattent la demeure, qui dispose d’un parc à la française et doit bientôt être vendue. Le ton monte...

 Les faits vus par la Propagandastaffel médiatique:

On croit rêver face à l’aplomb des membres du collectif Auguste de Cabanes qui a investi lundi et sans autorisation, le château de Cabanes. La propriétaire des lieux, Christiane Miquel, doit avaler là une couleuvre difficile à passer.
« Excusez-nous, madame, de vous causer des désagréments, mais nous ne pouvons pas vous laisser rentrer chez nous. S’il vous arrivait quelque chose nous en serions responsables. Où si vous décidiez de ne plus quitter les lieux cela poserait un précédent », lancent-ils tout de go. Et, même si le ton monte avec la propriétaire qui n’entend pas en rester là, l’accès à la propriété est fermement défendu.
Une chaîne maintient l’accès barré
Depuis lundi, une douzaine de personnes squatte la demeure, un château du XVIIe. Ils ont posé une boîte aux lettres à leur nom sur le portail d’entrée ainsi qu’un panneau expliquant leur démarche. Une chaîne maintient l’accès barré.
« Nous avons lancé une démarche d’expulsion, explique Christiane Miquel qui n’en revient pas de se faire spolier de son bien de la sorte. Ils ont un culot inimaginable. Je suis en relation avec la préfecture pour faire respecter mon bien et un avocat suit notre dossier. » La bâtisse doit être vendue dans les prochains mois à des acheteurs qui sont aussi particulièrement intéressés par le parc à la française.
« Je suis très inquiète »
Un projet d’hôtel, accompagné de chambres d’hôtes devrait alors voir le jour. « Si ces gens détruisent le parc et saccagent le bâtiment, la transaction sera perdue, ajoute encore Christiane Miquel. Il y a à l’intérieur des cheminées, des colonnes très belles dans ce bâtiment qui a accueilli Louis XIV. Je suis très inquiète. »
« Nous allons rester là quelques mois »
« Nous ne sommes pas là pour détériorer, mais pour entretenir cette bâtisse, insiste les membres du collectif Auguste de Cabanes qui ont refusé de nous accueillir dans la propriété. Nous sommes les nouveaux occupants et nous sommes désolés d’avoir recours à cette solution. »
Tous se présentent comme des intermittents du spectacle. Ils veulent préparer dans ce lieu un spectacle et le présenter au public. Ils assurent avoir ouvert une pièce qui servira de salle de sport et qui sera, elle aussi, accessible moyennant cotisation. Des chambres seront aussi prêtées aux voyageurs de passage et un potager bio sera cultivé.

« Nous appliquons l’article 432-8 du code pénal qui nous autorise à entrer dans une habitation non occupée »
Pour justifier leur action, ils expliquent : « Cette demeure était abandonnée depuis longtemps. Nous appliquons l’article 432-8 du code pénal qui nous autorise à entrer dans une habitation non occupée. Nous, nous n’avons pas de toit pour nous mettre à l’abri. Si nous faisons ça, c’est parce qu’il y en a qui ont des châteaux vides alors que beaucoup vivent dehors. Nous, nous allons lui redonner vie. Nous vivons dans un système où personne ne veut de nous. Nous allons rester là quelques mois. »
Le fait que la propriété soit à quelqu’un ne semble pas les gêner outre mesure. Le bâtiment était accessible, ils se sont servis. « Nous vous demandons de ne pas nous juger et de venir apprécier dans un mois le travail que nous aurons fait dans cette propriété. »
Rendez-vous est donc pris pour vérifier si les squatteurs ont tenu leurs engagements de ne pas couper des arbres et des buis centenaires, mais aussi qu’ils n’ont pas détérioré l’immeuble. À moins que tous aient été reconduits dehors. De gré ou de force.

Jean-Pierre Amarger, MidiLibre.fr, 16 décembre 2011.

samedi 17 décembre 2011

KAPITALISMUS WIEDERHOLT SICH NICHT

Beim Lebensgefühl nennt man es Nostalgie: nämlich die Erinnerung an angeblich bessere Zeiten zum Beispiel des Wirtschaftswunders. In der Popkultur heißt es „Retro“: Wenn den Produzenten nichts mehr einfällt, wärmen sie alte Sachen leicht verändert wieder auf. Und beim „Tatort“ im Dritten muss man darauf achten, ob man ihn nicht vor ein paar Jahren schon mal gesehen hat. Nichts Neues unter der Sonne, so scheint die Devise zu lauten. Irgendwie hat sich der Glaube verbreitet, dass bloß in der Vergangenheit nachschlagen muss, wer ein Rezept für die Gegenwart finden will. Warum sonst suchen Politik, Medien und Wirtschaftswissenschaft in der Krisenentwicklung der letzten Jahre ständig nach historischen Parallelen? Wer die Zeitung aufschlägt, glaubt sich oft in eine Geschichtsstunde versetzt.

Halsbrecherische Finanzspekulationen, kleine und große Krisen, jede Menge Staatsbankrotte, sogar die eine oder andere gescheiterte Währungsunion - die Wirtschaftshistoriker der modernen Zeiten haben so ziemlich alles im Angebot. Und die Moral von der Geschicht? Alles schon mal da gewesen, das soll auch heißen: Alles halb so wild, alles bewältigbar auf dem Boden der herrschenden Tatsachen. Nicht nur der Wunsch ist hier der Vater des Gedankens, sondern auch ein bestimmtes Bild vom Kapitalismus als ewige Wiederkehr des Gleichen. Mal brummt die Konjunktur, mal kracht sie eben; es gibt Aufsteiger und Absteiger des Jahres oder des Jahrhunderts. Aber im Prinzip, so der Glaube, wird es immer so weiter gehen.
Das ist jedoch ein Irrtum. Wir haben es nicht mit einem statischen, sondern mit einem dynamischen System zu tun. Der Kapitalismus wiederholt sich nicht und dreht sich auch nicht im Kreis, weil er selber ein irreversibler historischer Prozess ist. Die Kapitalverwertung fängt nicht immer wieder bei Null an, sondern sie muss im gesellschaftlichen Maßstab ihr jeweils letztes Niveau übertreffen, wenn es weiter gehen soll. Der Grad der globalen ökonomischen Integration lässt sich nicht zurückdrehen, erst recht nicht die Entwicklung der Produktivkräfte. Dafür sorgt schon die universelle Konkurrenz.
Wenn sich aber die Globalisierung und die Produktivität immer höher entwickeln, warum sollen dann der Charakter, die Tiefe und die Reichweite der Krisen immer dieselben bleiben? Die gern erzählte Geschichte von der Tulpenzwiebel-Spekulation an der Amsterdamer Börse des 17. Jahrhunderts lehrt uns nichts über die Immobilienblase des Jahres 2008 und den Bankrott von Lehman Brothers. Um zu begreifen, dass ein Staatsbankrott im frühen 19. Jahrhundert etwas ganz anderes war als er es heute wäre, genügt ein Blick auf den Staatsanteil am Sozialprodukt. Die aktuelle Geschichtsstunde der Experten und medialen Kaffeesatz-Leser ist eine Geisterstunde.
Immer wieder hört man die Behauptung, aus den Krisen der Vergangenheit hätten Politik und Management so viel gelernt, dass heute genügend Instrumentarien und Werkzeuge für die Bewältigung bereit stünden. Die Diagnostiker streiten höchstens darüber, ob die Krise nun eine ist wie 1872 oder womöglich eine wie 1929 oder doch bloß eine wie 1973. Der Lernerfolg scheint ein geringer zu sein, wenn uns die Regierungen und Notenbanken tagtäglich beweisen, dass ihre wirtschafts- und geldpolitischen Konzepte ungefähr so hilfreich und kompetent sind wie der Werkzeugkoffer einer Dampflokomotive für die Notreparatur eines ICE. Wer so viel von der Zukunft redet wie die Eliten der Gegenwart, der sollte sich nicht allzu sehr auf die Systemrettungen der Vergangenheit verlassen. Im Gedächtnis der Menschheit firmieren die alten Rettungspakete und deren Folgen sowieso eher als Katastrophen.

Robert Kurz

mercredi 14 décembre 2011

Le travail du négatif


L’autobiographie de Guy Debord, intitulée Panégyrique, compte un deuxième volume, publié après sa mort. Il contient surtout des photographies, et parmi celles du premier chapitre on trouve l’image d’un mur, noirci par le temps, qui porte le graffiti « Ne travaillez jamais ». La didascalie précise : « Inscription sur le mur de la rue de Seine (1953) ». Le petit livre se clôt avec un « aperçu chronologique », consistant seulement en 16 brèves entrées. Le troisième événement que Debord mentionne dans ce résumé ultra-condensé de sa vie, après sa naissance et son premier film, est « 1953 : Inscription sur un mur de la rue de Seine ». Cette inscription à la craie, exécutée lorsqu’il avait 21 ans et probablement vite disparue, était donc selon le fondateur de l’Internationale situationniste une des étapes marquantes de sa vie. Mais qu’est-ce que cela veut dire : « Ne travaillez jamais » ? Cette toute petite phrase sonnait quand même comme une énormité, presque comme une absurdité. Elle constituait un défi autant aux pouvoirs constitués qu’aux oppositions qui se définissaient justement comme « mouvement ouvrier ». Aujourd’hui, elle apparaît plutôt comme un des points forts du renouvellement fondamentale de la critique sociale avancée par les situationnistes.
Cette photo avait déjà été reproduite dans le numéro 8 (janvier 1963) de la revue Internationale situationniste avec cette didascalie : « Programme préalable au mouvement situationniste. – Cette inscription, sur un mur de la rue de Seine, remonte aux premiers mois de 1953 […] L’inscription que nous reproduisons ici semble être la plus importante trace jamais relevée sur le site de Saint-Germain-des-Prés, comme témoignage du mode de vie particulier qui a tenté de s’affirmer là »1. Ce langage « détournant » celui de l’archéologie pose donc le refus du travail comme un élément central de la vie des jeunes lettristes vers 1953, lequel aurait directement conduit à la formation du mouvement situationniste. En effet, en parlant de ces gens dans son film autobiographique In girum imus nocte (1978), Debord rappelle que « l’existence de tous était principalement caractérisée par une prodigieuse inactivité ; et entre tant de crimes et délits que les autorités y dénoncèrent, c’est cela qui fut ressenti comme le plus menaçant »2. Dans un passage de Panégyrique décrivant le même milieu, il souligne qu’« on y trouvait en permanence des gens qui ne pouvaient être définis que négativement, pour la bonne raison qu’ils n’avaient aucun métier, ne s’occupaient à aucune étude, et ne pratiquaient aucun art »3.
Au-delà d’une critique du travail, nous sommes ici face à un véritable éloge du désœuvrement, du ne rien faire. Cela concerne également Debord lui-même : dans une lettre de 1986, en parlant d’un film sur l’Espagne pour lequel il avait signé un contrat avec son mécène G. Lebovici sans avoir jamais commencé sa réalisation, Debord dit de ne pas « regretter d’avoir tout de suite proclamé le ferme projet de ne jamais réaliser De l’Espagne. Ce titre stendhalien constituera mon véritable chef d’œuvre ; accomplissant enfin pleinement ma tendance la plus profonde, et qui fut moins visiblement présente dans toutes mes ébauches artistiques (tendance plutôt négative, je dois le dire ». Finalement, son film-testament Guy Debord, son art et son temps (1994) commence avec ces vers d’une chanson d’Aristide Bruand : « J’en foutrai jamai’ un’ secousse / Mêm’ pas dans la rousse / Ni dans rien »4.
On pourrait donc en déduire que l’invitation « ne travaillez jamais » dérive de la tradition « bohème » qui, après quelques antécédents chez les romantiques, commence à caractériser dans la deuxième moitié du XIXe siècle les milieux artistiques, autant que les « voyous » si chers à Debord. Tandis que toute la science, la pensée officielle, la religion, mais également les mouvements anti-capitalistes5 encensaient le travail et les travailleurs comme source de toute richesse, mais également de toute morale, il n’y avait que les marges du monde de la littérature et des arts pour exprimer un refus de sacrifier sa vie au travail et au dynamisme forcené de la société moderne. Cela s’exprima autant dans le dandysme de Baudelaire que dans le vers « Jamais nous ne travaillerons, ô flots de feu ! » de Rimbaud, ou dans la dédaigneuse référence à l’homme qui confie dans ses efforts « car il a consenti à travailler » au début du Manifeste du surréalisme, jusqu’aux éloges de la paresse publiés en 1921 par le dadaïste Clément Pansaers et par Malevitch. Mais ce refus gardait un aspect fortement individuel et exprimait le désir, ou le projet, de se dérober personnellement à la tyrannie du travail. Une société sans travail semblait difficile à imaginer.
Les situationnistes avaient dépassé les avant-gardes artistiques précédentes et évoluaient vers un mouvement révolutionnaire justement dans la mesure qu’ils voulaient lier un effort personnel de libération avec une action collective, visant la société toute entière. Leur critique du travail avait donc partie liée avec la vision d’une société toute autre. En effet, dans le numéro 12 de leur revue, sorti en 1969 et largement consacré aux événements de mai ’68, la photo d’un mur parisien portant le slogan « Ne travaillez jamais » était ainsi commentée : « Un slogan de mai. – Cette inscription, tracée sur un mur du boulevard de Port-Royal, reproduit exactement celle dont le n° 8 de cette revue (p. 42) avait publié la photographie. Elle gagne certainement en force à accompagner, cette fois, une grève sauvage étendue à tout le pays ». Avoir transformé le désir d’un individu dans un mouvement de masse, telle était pour les situationnistes leur plus belle réussite.
Pour Debord, sortir de la société du spectacle signifiait également sortir de la société du travail. Mais comment satisfaire les besoins humains sans travailler ? Dans le bref « aperçu chronologique » déjà mentionné, on lit : « 1963 : Cinq ‘directives’ tracées sur des toiles ». Une de ces directives, qui énonçaient la quintessence de l’agitation situationniste pour les années successives, proclamait : « Abolition du travail aliéné ». Donc, ce n’est pas l’effort en tant que tel qui était à bannir pour les situationnistes, mais le travail que Marx avait appelé « aliéné » : l’activité dont le produit est séparé de son producteur, qui ne reçoit que son salaire. Debord utilise ces catégories également pour qualifier sa propre attitude : « D’où peut-on conclure que je ne travaille pas ? J’ai dirigé douze ans une revue, écrit un livre et nombre d’opuscules, brochures et tracts, tourné et monté six films. En grande partie, le travail du négatif en Europe, pendant toute une génération, a été mené par moi. Je me suis contenté de refuser seulement le travail salarié, une carrière dans l’État, ou le moindre subside de l’État sous quelque forme que ce soit […] Je ne crois pas que l’on puisse dire que je me suis continuellement amusé » écrivit-il en 19856. Le « travail du négatif » : pour Debord, son « travail » consistait essentiellement dans ses activités révolutionnaires, et pour les qualifier il se réfère à la définition hégélienne du côté négateur de l’esprit, celui qui fait avancer la marche de l’histoire…
Et encore plus tard, il renchérit : « Ne jamais travailler demande de grands talents. Il est heureux que je les aie eus […] Le refus du ‘travail’ a pu être incompris et blâmé chez moi. Je n’avais certes pas prétendu embellir cette attitude par quelque justification éthique. Je voulais simplement faire ce que j’aimais le mieux »7. Debord lui-même, dépourvu d’une fortune personnelle, a pu se dérober au travail surtout grâce à une pratique constante du potlatch, donc de la générosité vers d’autres qui parfois la lui ont rendu grandement. Mais qu’est-ce que le refus du travail au niveau social ?
Différemment de l’attitude « bohème » des avant-gardes culturelles, les situationnistes des années 1960 attendaient le salut de la part du prolétariat, même dans sa forme classique de travailleurs d’usine. Cependant, il ne s’agissait plus de la révolte du travail contre ses exploiteurs, comme dans le marxisme traditionnel, encore très présent à cette époque-là, mais de la révolte des travailleurs contre le travail aliéné, telle qu’elle s’exprimait à travers des grèves sauvages, des actes de sabotage, de l’absentéisme, etc8. Et qu’est-ce qui aurait remplacé le travail aliéné ? Pour les situationnistes, il n’était certes pas question d’un simple changement de statut juridique, pour lequel les ouvriers devenaient formellement propriétaires des moyens de production, tout en continuant à travailler dans des conditions aliénantes : c’était ce qui était arrivé dans les pays dits « communistes ».
Comment alors abolir le travail aliéné ? D’un côté, les situationnistes plaçaient, au début de leur parcours, beaucoup d’espoir dans l’automation de la production9. Celle-ci aurait pu, selon eux, libérer l’humanité du joug du travail pour la faire rentrer dans une société basée sur le jeu et les « loisirs », qui était cependant empêchée par les « rapports de production » capitalistes (et finalement spectaculaires) qui perpétuent la domination des propriétaires des moyens de production sur les travailleurs. Ils n’étaient pas les seuls dans les années 1950 à nourrir cette illusion sur une possible émancipation à travers les machines : en témoignent, parmi beaucoup d’autres, les écrits de l’ex-surréaliste, ex-trotskiste et sociologue Pierre Naville portant sur l’automation et le passage « de l’aliénation à la jouissance ». Si l’on ne tient pas compte de cet enthousiasme pour la possibilité de « détourner » l’industrialisation, on ne saurait pas comprendre le projet situationniste initial : ni son côté technophile, avec la « peinture industrielle » de Pinot Gallizio et la ville de « New Babylon » conçue par Constant, ni en général la volonté de réaliser pleinement les possibilités libératrices créées par le développement des forces productives dans l’après-guerre et leur application à la vie quotidienne, toujours déviées vers la continuation de la société de classe. Après 1970, Debord a souligné, au contraire, les dangers que le développement non maîtrisé des forces productives faisait courir à la « planète malade », et donc à tout projet d’émancipation. 
Le propos d’abolir le travail grâce à la technologie ne paraît plus aujourd’hui très convaincant. Mais Debord a également ébauché une critique du travail plus actuelle que jamais : en décrivant le spectacle comme la forme la plus développée de la société basée sur la production de marchandises, il a implicitement repris et mis à jour la critique marxienne de la marchandise et de ce qui la fond : le travail abstrait. Un travail qui est « abstrait » dans le sens que tous les travaux concrets, toutes les activités exécutées en vue d’un but spécifique ne comptent que comme simple dépense de temps de travail, d’un temps indifférencié dont n’intéresse pas le contenu, mais la durée – c’est celle-ci qui crée la valeur qui s’exprime dans l’argent10. Si le travail dans la société contemporaine est souvent nocif et inutile, cela est dû essentiellement au fait qu’il ne sert qu’à accroître le capital, à transformer un euro en deux. Produire des carottes ou des fusils, des chaussures ou des game boys n’est qu’un aspect secondaire de ce processus. Voilà pourquoi on travaille beaucoup plus du nécessaire dans le monde contemporain, souvent dans des conditions horribles et pour produire des choses superflus. « Ne travaillez jamais » signifie donc d’abord de se refuser à cette logique, de ne pas se mettre à disposition d’un système qui demande qu’on travaille, à n’importe quoi. Il faut revendiquer une vie pleine pour tous, pas le plein emploi.

1 D’ailleurs, après la publication de cette photo dans la revue, celle-ci se voit sommée de payer des droits d’auteur à celui qui avait pris la photo à son temps et la diffusait maintenant sous forme de carte postale « humoristique », en plus affublée de la légende « Les conseils superflus ». Debord répondit en revendiquant la paternité de « la plus belle œuvre de [sa] jeunesse ».
2 Maintenant dans Guy Debord, Œuvres, Gallimard, collection Quarto, Paris 2006, p. 1365.

3 Maintenant dans Guy Debord, Œuvres, p. 1665.

4 Notons que les vers immédiatement précédents de cette chanson disent : « J’peux pas travailler / ça m’emmerde ».

5 Avec des rares exceptions, comme le pamphlet Le Droit à la paresse de Paul Lafargue (1880), ou certains anarchistes français de la « Belle époque ».

6 Considérations sur l’assassinat de Gérard Lebovici (1985), maintenant dans Debord, Œuvres, p. 1573.

7 « Cette mauvaise réputation… » (1993), maintenant dans Debord, Œuvres, p. 1801.

8 En 1974 a été publié le disque « Pour en finir avec le travail – Chansons du prolétariat révolutionnaire » ; le textes de ces chansons « détournées » étaient dus à Debord et à d’autres situationnistes.

9 Au plus haut degré dans « Les situationnistes et l’automation » d’Asger Jorn dans le premier numéro d’Internationale situationniste (1958).

10 Pour une analyse détaillée, voir : Anselm Jappe, Les Aventures de la marchandise. Pour une nouvelle critique de la valeur, Denoël, Paris 2002.
 

Les autorités russes multiplient les initiatives pour contrôler l’internet


Le général Alexeï Mochkov, du département K du ministère de l’Intérieur chargé de la surveillance des communications, a proposé la semaine dernière que les utilisateurs du web renoncent à l’anonymat, jugeant par ailleurs que les réseaux sociaux étaient « potentiellement dangereux pour la société ».
Ces initiatives inquiètent les défenseurs des droits de l’homme, blogueurs et professionnels du secteur qui y voient des tentatives de censurer l’internet, dans un paysage politique verrouillé où les télévisions sont strictement contrôlées par l’État. « Il est très important que de telles propositions soient rendues publiques après les manifestations massives à Moscou et à la veille d’un nouveau rassemblement » prévu pour le 24 décembre, où l’opposition attend quelque 50 000 personnes, a déclaré le chef de l’ONG pour les droits de l’homme Lev Ponomarev. Selon lui, les « tentatives de resserrer les boulons vont provoquer une tension supplémentaire dans la société ».
Le 4 décembre, jour des législatives, les sites de l’ONG russe Golos qui recensait les fraudes et les pressions grâce à un réseau de correspondants en Russie et aux témoignages d’internautes avaient été rendus inaccessibles par des cyber-attaques, comme ceux de plusieurs médias partenaires. Golos a accusé les services secrets russes d’avoir été derrière ces cyber-attaques.
Le texte qui suit de Mikhail Magid [un libertaire de Moscou] adressé aux anarchistes russes ne dépasse pas les analyses traditionnels anarcho-marxistes. Il reflète pourtant  assez bien l’ambiance qui règne aujourd’hui en Russie.
Tahrir russe

D’où ça vient ?
J’ai remarqué que tous les militants politiques, tous ceux qui étaient actifs ces dernières années, commencent à se demander les uns les autres : mais qu’est-ce qui se passe ? Comment se fait-il que la société russe, si apolitique, absolument non encline à protester, s’est soudainement soulevée ?
L’indifférence politique qui durait depuis 15-20 ans s’est terminée. Elle a pris fin rapidement, soudainement, de façon inattendue. Comment expliquer ça ? Bien sûr, en Russie, il y a des problèmes fondamentaux, ils ont certainement un impact sur la situation dans le pays. On peut parler de la pauvreté d’une grande partie de la population (surtout en province)… Mais, aujourd’hui, c’est Moscou qui se rebelle, la ville la plus riche de la Russie. On peut évoquer la corruption, mais elle existe déjà depuis longtemps. On peut parler de la crise économique mondiale qui affecte également la Fédération de Russie, mais la situation n’est pas aussi difficile qu’en 2009… Dans la recherche de réponses, je suis allé sur la place de Triomphe…   Suite en French

Mikhail Magid  7 décembre 2011



Заметил, что все политические активисты, т.е. все, кто был активен в последние годы, стали спрашивать друг друга: что происходит? Как случилось, что аполитичное если не на 100 то на 98%, абсолютно не склонное к протестам российскиое общество вдруг встало на дыбы?

Кончилась 15-20 летняя политическая аппатия. И кончилась как-то быстро, разом, неожиданно. Конечно, есть фундаментальные проблемы, и они, беспорно, влияют на ситуацию в стране. Можно говорить о нищете огромной части населения (особенно в провинции), это справедливо, но больше всех сейчас бунтует Москва - наиболее богатый российский город. Можно говорить о коррупции, но она имелась и раньше. Можно говорить о мировом экономическом кризисе, который затрагивает и РФ, но положение не такое тяжелое, как в 2009 г. ... В поисках ответа отправился на Триумфальную площадь и провел там около двух часов...

http://shraibman.livejournal.com

mardi 13 décembre 2011

Le squat de A à Z


Le sénile   sénateur-Maire Philippe Dallier (UMP) accuse Internet et demande que la censure s’y applique, en effet  l'élu de la Seine-Saint-Denis, demande au ministère de la Justice d’agir contre les sites internet qui diffusent des « Guides du squatteur », et incitent ainsi à la commission de délits.
«Plusieurs sites internet, aisément accessibles et consultables en ligne, proposent de véritables “guides du squatteur” favorisant et même encourageant l’occupation illicite de biens privés...», s’est-il indigné auprès du ministère de la Justice.
"Depuis le temps que nous squattons le monde..." Guy Debord Correspondance avec Martos, peut être...
Preuve que ces menaces sont payantes voici le fameux Guide en PDF:
Pour ceux qui voudraient le remercier de cette initiative courageuse et profondément humaniste:
Philippe DALLIER Sénateur-Maire
Pour toute communication :
Standard : 01 48 02 75 75
Courriel : mairie@ville-pavillons-sous-bois.fr
Permanence téléphonique :
Le 1er mercredi du mois, de 18h30 à 20h30
Tél. : 01 48 02 75 94

Pour les chomistes, n'hésitez pas notre héros recrute:
La mairie des Pavillons-sous-Bois recrute ....
Cliquez ici

Il y a le feu chez les pompiers !

 
La dégringolade actuelle des bourses est la plus forte enregistrée depuis la faillite de la banque Lehman Brothers à l’automne 2008. D’après le journal Welt-online, à travers la planète, l’équivalent de cinq mille milliard de dollars en actifs se seraient dissipés dans les dernières semaines. Maintenant que l’agence de cotation Standard & Poor’s a abaissé la note de solvabilité concernant les emprunts d’Etat des États-Unis, les places financières vont certainement chuter encore.
 
Depuis les années quatre-vingts, l’industrie de la finance est devenue l’industrie de base du système capitaliste mondial et a subi régulièrement des échecs. Mais les événements actuels ont acquis une nouvelle dimension. Lors de toutes les crises précédentes qui touchaient les centres capitalistes, c’étaient toujours les États, prompts à s’endetter, qui jouaient le rôle de pompier. Aujourd’hui les pompiers d’hier sont le foyer de l’incendie.
 
Ce déplacement du point de départ de la crise n’est pas le fait du hasard, c’est la conséquence logique de la manière dont on a tenté de résoudre les crises précédentes. Que ce soit lors du krach de la nouvelle économie ou à la suite de la grande crise des marchés financiers de 2008, les marchés ont commencé à chuter parce que les investisseurs, déçus par la non réalisation des promesses de rentabilité, se sont détournés massivement des entreprises privées « prometteuses », ont arrêté d’acheter des actions des « entreprises d’avenir » ainsi que de fournir des nouveaux crédits hypothécaires douteux. Le soin d’enrayer la spirale descendante de l’économie mondiale était laissé aux États. Au moyen d’une politique de l’argent pas cher (taux d’intérêts bas), les banques centrales fournissaient la matière première pour la création d’une nouvelle bulle spéculative encore plus importante. Grâce à une politique de dépense intensive, la puissance publique a freiné la chute de ce qu’on appelle l’économie réelle : l’augmentation toujours plus rapide de la dette devait servir de tampon jusqu’à ce que la dynamique de création de capital fictif se trouve une nouvelle sphère prometteuse et privée qui relance la machine. Après le krach de la nouvelle économie en 2000, cette approche a encore donné satisfaction. Pendant deux ou trois ans, la conjoncture mondiale restait faible mais par la suite les bulles successives, comme celle de l’immobilier étatsunien, permettaient de nouveau une croissance de l’économie mondiale. Mais après la crise des marchés financiers de 2008, aucune nouvelle sphère privée prometteuse ne s’est établie. Au moyen d’une politique de taux d’intérêts extrêmement bas, et la nationalisation des pertes de la spéculation, on a réussi à éviter l’effondrement des marchés financiers. Les programmes de soutien à l’économie ont permis de stabiliser l’économie réelle, mais la production de l’industrie financière privée est restée en dessous du niveau qui aurait permis une limitation de l’endettement public. 15 mille milliards de dollars est la somme que l’ensemble des États ont bien voulu débourser pour dépasser la crise de 2008, ce qui fait grimper dramatiquement l’endettement total de tous les États de la planète jusqu’à 39 mille milliards de dollars.
 
Et il n’y a pas d’embellie à l’horizon. L’endettement des États est devenu la bulle la plus importante de l’industrie financière et c’est précisément cette bulle-là qui est en train d’éclater. La politique économique se trouve devant un dilemme énorme. D’un côté l’expansion de l’endettement étatique doit se poursuivre afin d’éviter une déflation. En même temps, les États doivent en permanence annoncer le retour vers des budgets équilibrés afin de maintenir leur propre crédibilité pour contracter de nouveaux crédits. Ce casse-tête représente l’arrière-plan de la panique réelle qui envahit actuellement les marchés financiers. On ne peut pas définir précisément, ni pour l’Europe ni pour les États-Unis, ce qui fait le plus accélérer la dégringolade des bourses : est-ce qu’il s’agit de la peur que les plans d’austérités annoncés entraînent une déflation, ou alors de l’inquiétude concernant la solvabilité des débiteurs étatiques ?
 
Dans cette situation bloquée, il ne reste plus qu’une sortie. En soi la politique économique n’a plus de marge de manœuvre, mais il reste encore une option monétaire. Vu que les taux directeurs sont déjà extrêmement bas, les banques centrales ne peuvent plus baisser  les taux d’intérêts, mais par contre ils rachètent les emprunts des États en difficulté. Cela ouvre aux États de nouvelles perspectives pour s’endetter et empêche dans l’immédiat que les emprunts d’Etats qui circulent dans l’industrie financière soient dévalorisés. Le capitaliste idéel général (l’Etat) fait ici quelque chose que personne d’autre ne peut faire, il s’endette auprès de lui-même.
 
Cela était considéré il y a quelques années comme le plus grand péché contre la stabilité monétaire et cela non sans raison : une banque centrale qui stocke, pour garantir la stabilité monétaire, à la place de titres rentables des créances pourries déplace la crise sur un nouveau terrain. La dévalorisation de l’endettement public est ajournée et la conséquence est une dévalorisation rampante de l’argent. La prochaine étape logique du processus de crise est le passage de la crise des budgets étatiques vers la crise du médium argent. Le capitalisme dépasse ses crises en préparant les suivantes,  toujours plus importantes. Karl Marx disait déjà cela, mais jamais la transmutation du moyen d’éteindre la dernière crise en combustible pour la prochaine crise ne s’est faite aussi rapidement.
   
Ernst Lohoff, 10.8.2011
 
Traduction : Paul Braun (texte d'origine) 

samedi 10 décembre 2011

BeBop à Moscou

 10 DÉCEMBRE 2011: Au moins 70 000 personnes ont manifesté samedi à Moscou pour contester la victoire du parti de Vladimir Poutine aux législatives du 4 décembre. Des milliers de personnes ont manifesté samedi dans une cinquantaine de villes, du jamais-vu depuis depuis la Révolution de Février 17...


Tract distribué à Moscou le 10 décembre par l’Action Autonome :


Notre candidat : l’auto-organisation

Le 4 décembre ont eu lieu les élections à la Douma d’État. 450 membres sont sensés représenter pendant 5 ans les intérêts de 140 millions de citoyens russes. Ils continueront à piller le pays et à se pavaner dans de grandes limousines noires dans les rues de Moscou. Il en a toujours été ainsi et il en sera toujours ainsi, peu importe que la majorité soit Russie Unie ou un autre parti.
Il n’y a qu’un seul moyen pour mettre fin à cette pratique vicieuse ; le chemin que nous ont montré nos grands-parents en 1917.
L’opposition libérale accuse le gouvernement de fraude. Les élections ont probablement été truquées, mais même si cela n’avait pas été le cas cela ne changerait pas grand chose.
La démocratie représentative n’est pas la démocratie. La Démocratie, c’est quand les gens se gouvernent eux-mêmes avec leurs propres structures d’auto-organisation, fondées sur une base socialiste. Il peut y avoir de démocratie quand des gens contrôlent tout au nom du peuple.

Le groupe de Moscou de l’Action Autonome

Traduit du russe (Автономное действие) par Solidarité ouvrière, 10 décembre 2011.

jeudi 8 décembre 2011

ABWERTUNGSWETTLAUF


Eine harte Währung mit hohem Außenwert gilt gemeinhin als Zeichen ökonomischer Überlegenheit. Sogenannte Weichwährungen dagegen gehören zu Verliererstaaten und Abstiegskandidaten auf dem Weltmarkt. Diese Regel scheint jedoch ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt zu haben. Überall fürchtet man sich davor, dass die eigene Währung zu stark werden könnte. In der Schweiz interveniert die Notenbank, um den steigenden Franken gegenüber dem maroden Euro herunterzudrücken. Dieselbe Politik betreiben die Notenbanken in Japan und anderen Ländern gegenüber dem Dollar. Auch Schwellenländer wie Brasilien kämpfen verzweifelt gegen die Aufwertung ihres Geldes. Umgekehrt ist man in den USA und in der EU alles andere als traurig über die Tendenz der gar nicht mehr so stolzen eigenen Währung nach unten. Man kann seit dem angeblichen Ende der Krise geradezu von einem Abwertungswettlauf sprechen.
Erklärbar wird die Sache durch die veränderte ökonomische Struktur des Krisenkapitalismus. Die Weltkonjunktur läuft nur noch über surreal aufgeblähte Kredite und damit verbundene außenwirtschaftliche Beziehungen. Überschussländer wie Japan, China oder die BRD sind von einseitigen Exporten abhängig, Defizitländer vom ebenso einseitigen Zufluss transnationalen Geldkapitals. Beides ist an Grenzen gestoßen. Nun versuchen alle, sich auf Kosten der anderen zu sanieren. Die einen wollen auf Biegen und Brechen ihre Exportüberschüsse retten, die anderen umgekehrt selber einen größeren Exportanteil gewinnen. Exporte aber werden umso billiger und damit konkurrenzfähiger, je schwächer die eigene Währung ist, während sich umgekehrt die Importe dadurch verteuern. Der Abwertungswettlauf zeigt, dass man überall die Binnenkonjunktur abschreibt und nur noch auf Exportsteigerung setzt.
In der Euro-Zone haben wir die besonders paradoxe Situation, dass die Defizitländer gegenüber dem Überschussland BRD nicht abwerten können, denn beide Seiten haben ja eine gemeinsame Währung. Überdies befeuert der gerade wegen der südeuropäischen Schuldenkrise relativ schwächere Euro zusätzlich die deutschen Exporte in die übrige Welt. Aber diese Erfolgsgeschichte ist kurzlebig, weil sie ihre eigenen Voraussetzungen zerstört. Es ist die deutsche Exportwalze, die den Euro platt macht. Dass so etwas nicht funktionieren kann, weiß sogar jedes Lehrbuch der Wirtschaftswissenschaft. Eine Auflösung in die alten nationalen Währungen würde freilich die Außenschulden der Defizitländer ins Unermessliche steigern und zugleich die zurückgekehrte D-Mark derart drastisch aufwerten, dass die Exportmaschine zum Stillstand käme. Das Euro-Konstrukt war offensichtlich ein Himmelfahrtskommando.
Für Länder mit großen Exportüberschüssen ist eine Aufwertung nur dann für einige Zeit unproblematisch, wenn sie zugleich einen starken Binnenmarkt und/oder eine industrielle Monopolstellung haben. Das war für Großbritannien im 19. Jahrhundert und die USA Mitte des 20. Jahrhunderts der Fall. Deshalb konnten die Währungen dieser Weltmächte die Funktion des Weltgelds übernehmen. Nach dem Abstieg der hoch verschuldeten USA ist nirgendwo ein Nachfolge-Kandidat in Sicht, am allerwenigsten China. Die überfällige drastische Aufwertung der chinesischen Währung würde auch dort große Teile der Exportindustrien ruinieren und zugleich die riesigen Dollar-Devisenreserven entwerten. Keiner kann mehr von seiner Position herunter, aber objektiv sind dauerhaft einseitige Exporte in verschuldete Länder unmöglich. Der Abwertungswettlauf führt über die Euro-Krise hinaus in die Weltwährungskrise.

Robert Kurz



mercredi 30 novembre 2011

Les expulsions d' "Anti-Wall Street" se multiplient

Une centaine de policiers à Los Angeles procédaient, mercredi matin, à l'évacuation du camp des indignés dans le centre de Los Angeles, rapporte le Los Angeles Times. L'opération a commencé peu après minuit mardi, lorsque les forces de l'ordre ont annoncé avec des mégaphones que le campement était désormais considéré comme illégal, 48 heures après l'expiration d'un ultimatum fixé par le maire de la ville.

Environ 500 personnes étaient présentes au moment de l'intervention de la police, qui a mobilisé au total quelque 1 200 officiers. "Nous avons effectué au total un peu plus de 200 arrestations", a déclaré un porte-parole de la police, Lorenzo Quezada. Au petit matin, la police tentait de déloger les derniers manifestants, dont certains avaient grimpés aux arbres.
Dans la capitale Washington en revanche, les Anti-Wall Street occupent toujours deux camps de fortune non loin de la Maison Blanche, mais des rumeurs commencent à courir parmi les médias locaux et les manifestants sur une note des autorités évoquant "l'augmentation des incidents" et qui serait le signe annonciateur d'une prochaine expulsion.
Le camp du mouvement Occupy Los Angeles est l'un des plus anciens encore en place sur la Côte Ouest des États-Unis. Les indignés de Los Angeles, qui occupaient les lieux depuis le 1er octobre, étaient au nombre de 700 à 800, et avaient planté environ 400 tentes.

lundi 28 novembre 2011

Toujours Plus !

Remember connards: Plus de Travail,  pour Gagner Plus !!!

dimanche 27 novembre 2011

Blind in der Krise


Seit dem praktischen Scheitern des Keynesianismus an der so genannten Stagflation der 1970er Jahre beherrscht das neoklassische Dogma den Stellen- und Büchermarkt in der akademischen Volkswirtschaftslehre. Dabei handelt es sich um eine Harmonielehre des Marktes. Der solle doch gefälligst sich selbst überlassen bleiben, dann würde sich ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage einstellen, zum Wohle aller. In den einschlägigen Lehrbüchern wird die Wirklichkeit der kapitalistischen Wirtschaft nicht reflektiert, das Wort „Krise“ beispielsweise sucht man dort vergebens. Stattdessen werden die eigenen ideologischen Vorurteile in mathematische Modelle gegossen und diese der Wirklichkeit einfach übergestülpt. Mit der Neoklassik als herrschender Lehre hat das Fach Wirtschaftswissenschaft seinen Gegenstand letztlich aufgegeben und befindet sich streng genommen im Status einer wissenschaftlich verbrämten Ideologie. Spätestens mit dem Kriseneinbruch im Herbst 2008 ist das offensichtlich geworden.  Allerdings: Wenn erkennbar wird, dass eine Ideologie mit der Wirklichkeit nicht in Einklang zu bringen ist, so verschwindet sie deswegen noch lange nicht aus den Köpfen. Die Neoklassik bildet hier keine Ausnahme. Zwar hat sie sich an den kapitalistischen Krisenerscheinungen inzwischen restlos blamiert. Das hindert aber ihre etablierten Vertreter nicht daran, der politischen Öffentlichkeit auch weiterhin die seit Jahrzehnten immer gleichen Ratschläge zu erteilen. Und die neoklassischen Scheinargumente füllen nach wie vor den Wirtschaftsteil vieler Tages- und Wochenzeitungen und bestimmen das Denken der politischen Klasse.  Als ein Bestandteil dieses Lehrgebäudes hat sich eine ausschließlich mikroökonomische Sichtweise durchgesetzt, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen gilt der betriebswirtschaftliche Standpunkt des Einzelunternehmens als der einzige überhaupt, unter dem „die Wirtschaft“ sinnvoll beurteilt werden könne. Zum anderen werden auch makroökonomische Einheiten metaphorisch wie Einzelpersonen behandelt, so etwa der Staat, der als „guter Hausvater“ oder „schwäbische Hausfrau“ jetzt möglichst radikal sparen müsse, weil die Familienmitglieder über ihre Verhältnisse gelebt hätten.  Wie sehr eine solche Denkweise in die Irre führt, machen die derzeitigen Verwerfungen im Euro-Raum und die Maßnahmen zu ihrer Behebung deutlich. So wurde Griechenland eine Austeritäts-Medizin nach der Rezeptur „schwäbische Hausfrau“ verordnet, und ihre Einnahme wird von der Troika aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfond und Europäischer Zentralbank streng überwacht. Für einen verschuldeten Einzelhaushalt kann es selbstverständlich sinnvoll sein, eine Zeitlang nur noch ranzuklotzen und Konsumverzicht zu leisten, um die Schulden loszuwerden. Aber dieses Modell ist auf eine Volkswirtschaft nicht übertragbar, weil eine Einschränkung des staatlichen und privaten Konsums die Verringerung der Produktion zur Folge hat und damit auf direktem Weg in die Depression führt. Genau das ist dann auch in Griechenland passiert: Das Bruttoinlandsprodukt brach 2010 um mehr als fünf Prozent ein, die Steuereinnahmen verringerten sich, und die Staatsverschuldung stieg stärker an als zuvor. Auf diesem Wege ist der griechische Staatsbankrott nur noch eine Frage der Zeit. Wie man hört, soll diese Erfolgsrezeptur demnächst auch Spanien und Italien verschrieben werden.  Auch der wohlfeile Ratschlag, die verschuldeten Euro-Länder mögen sich doch bitte am deutschen Modell orientieren, geht von einer betriebswirtschaftlichen Sichtweise aus, die die wirkliche Situation völlig verfehlt. Die negative Handelsbilanz und damit verbundene höhere Verschuldung der südeuropäischen Länder ist schließlich nur die Kehrseite des deutschen Exportüberschusses, der sich überwiegend dem Handel innerhalb der EU verdankt. Ebenso gut könnte man den weniger erfolgreichen Vereinen der Fußball-Bundesliga die Empfehlung geben: Macht es doch alle so wie Bayern München, dann werden wir in der nächsten Saison alle deutscher Fußballmeister.  Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, die neoklassische Lehre habe die tiefgehende Krise des kapitalistischen Weltsystems verursacht. Das wäre zu viel der Ehre. Das Problem liegt eher darin, dass diese Lehre keinen Begriff von der Krise hat, die in ihr schlicht nicht vorgesehen ist. Wer jetzt mitten in der Krise auf der Basis von neoklassischen Sichtweisen und Rezepten handelt, setzt sich daher Scheuklappen auf, durch die sogar noch das pragmatische „Fahren auf Sicht“ (Wolfgang Schäuble) unmöglich wird. Wenn wir schon in den Abgrund fahren, dann doch bitte sehenden Auges.

Claus Peter Ortlieb

erschienen in Ossietzky 24/2011
am 26.11.2011

http://www.exit-online.org

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