dimanche 3 juillet 2011

Das Subjekt – Thesen zum fetischistischen gesellschaftlichen Handeln

 1.

Gesellschaftliches Handeln ist Handeln, das auf den Bestand der Gesellschaft bezogen ist und von ihm, diesem Bestand, abhängig. Es ist also Handeln, das in letzter Instanz von der Gesellschaft selbst ausgeht, von ihr sanktioniert wird und ihr selbst zu Gute kommt. Die Träger dieses Handelns sind also Repräsentanzen dieser Gesellschaft, sie handeln nur bedingt durch gesellschaftliche Ziele, die sie sich zu Eigen machen – einen Betrieb zu gründen ist also nicht nur Sache einer persönlichen Rechnung, zum eigenen Überleben angestellt, sondern auch Sache der Bestätigung des Bestands der Gesellschaft; des Bestands nicht nur des konkret wahrnehmbaren Gesellschaftskörpers, der Institutionen, sondern und vor allem auch der Legitimationen und Übereinkünfte, der Ideologien also.
            Wer in diesen gesellschaftlichen Zusammenhängen handelt, muss eine Form annehmen, die dieses gesellschaftliche Handeln ermöglicht und ihm gerecht wird. Dazu müssen diese gesellschaftlich Handelnden die Gesellschaft an sich selbst abbilden.

2.

An den Handelnden bildet sich die Gesellschaft ab sowohl in ihrem Bestehen als auch in ihrem Entstehen, das heißt, sowohl in ihrer aktuellen Verfasstheit als auch in ihrer Konstitutionsgeschichte. Gesellschaftlich Handelnde bringen also in ihrem Handeln die grundlegenden Merkmale und Eigenschaften dieser Gesellschaft zum Vorschein und Ausdruck – vor allem die Art und Weise, wie der soziale Zusammenhang in dieser Gesellschaft hergestellt und erhalten wird. Marx verweist in seiner Gesellschaftskritik, indem er die Methode der Kritik der politischen Ökonomie entwickelt und anwendet, darauf, dass sich der gesellschaftliche Zusammenhang dadurch herstellt und diese Herstellung dadurch geprägt ist, dass einer gesellschaftlichen Produktion eine private Aneignung der Ergebnisse dieser Produktion gegenüber steht.
            Das Interessante daran ist, dass die genauere Betrachtung dieser Aussage darauf hin weist, dass ein gesellschaftlicher Zusammenhang also gleichzeitig zerstört und hergestellt wird oder, anders gesagt, erst in diesem gleichzeitigen Herstellen und Zerstören von gesellschaftlichen Beziehungen besteht. Dabei ist aber, was Marx gesellschaftliche Produktion nennt, nicht gesellschaftlich im Sinne einer von den beteiligten Leuten getroffenen Übereinkunft, gesellschaftlich also im wahreren Sinne des Wortes, sondern hier wird gesellschaftlich als ein fixiertes Verhalten der Menschen vorausgesetzt (im Sinne eines ontologisch verstanden zoon politicon), das erst erlaubt, quasi als natürliche Ressource genutzt zu werden.
            Marx erklärt diese spezifische Form der Nutzung, also das Erzwingen einer gesellschaftlichen Produktion unter der Voraussetzung, dass die Ergebnisse dieser Produktion privat angeeignet werden; damit, dass diese Produktionsweise (wie er das nennt, was ich Gesellschaft nenne; und beide Bezeichnungen greifen zu kurz) auf einem Gewaltverhältnis fußt, das nicht nur die private Aneignung möglich macht, sondern auch das Zwingen in ein Arbeitsverhältnis (denn als Arbeit erscheint nun diese spezifische Form gesellschaftlicher Produktion). Das, so Marx, sei ermöglicht worden durch die gewaltsame Trennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln.
            Erst diese Trennung macht ein Verhalten logisch und erklärlich, in dem Leute das Vermögen, tätig zu sein (also ihre Arbeitskraft), als etwas Spezifisches, von sich Gesondertes betrachten, zur Ware machen und verkaufen. Und dieses Verkaufen erlaubt es ihnen dann aber auch, so zu tun, als hätte nun das Ingangsetzen dieser Arbeitskraft mit ihnen nichts mehr zu tun. Stolz unterscheiden sie sich vom antiken Sklaven oder vom leibeigenen Bauern, die selbst körperlich sich selbst nicht gehörten, dafür aber wohl Produktionsmittel ihr eigen nennen konnten. Der moderne Arbeiter hingegen gehört sich körperlich selbst und ist hinfort selbst dafür verantwortlich, wie er in eine Gesellschaft Eingang findet, in der für sein Fortkommen er selbst zu sorgen hat. Das tut er mit dem Verkauf des Vermögens Arbeitskraft und vollzieht so noch einmal die Trennung von den Produktionsmitteln an seiner eigenen Person.

3.

Wenn nun gesellschaftliche Produktion in diesem Zusammenhang von vornherein bloß als das ontologische, fixierte Zusammensein, das Auftreten in Verbänden, das natürliche Verhalten und der Rohstoff der „gesellschaftlichen Ressource“ ist, gilt dies nicht nur für die vereinzelten, von Produktionsmitteln getrennten „Proletarier“, die nun in Arbeitsverhältnisse eintreten. Dies tun sie zwar massenhaft und unter dem offenen oder verdeckten Zwang von Verhältnissen und Herrschaft, aber jeweils auf eigene Rechnung, auch wenn diese Rechnung von Zusammenschlüssen und Übereinkünften wie Klassen, Parteien, Konsumgenossenschaften oder Gewerkschaften präsentiert wird.
            Gleiches gilt für die, die nun als „Bourgeois“ in die Gesellschaft eintreten. Sie „benutzen“ eine conditio humana, den Drang (oder Trieb, um in der bürgerlichen Terminologie zu bleiben) zu gemeinschaftlichem Leben, zu gemeinschaftlichen Unternehmungen, zur Herstellung von Produkten, die sie sich dann gewaltsam aneignen (gewaltsam durch neue, bislang unerhörte Gesetze oder durch deren Internalisierung, die diese Gewalt als logisch, vernünftig und nicht gewaltsam erscheinen lässt). Sie gleichen aber den Proletariern insofern, als sie ebenso auf eigene Rechnung in das Geschäft eintreten; sie unterscheiden sich in ihren Äußerungen über sich selbst. Während sie von sich behaupten, mit ihren Streben nach persönlichem Glück und Erfolg das Glück und den Erfolg aller anzustreben und zu garantieren, behaupten die Proletarier von sich, dass es ihre Produktivität sei, ihr Fachwissen, ihre Kompetenz und Erfahrung, die ebendieses Glück und ebendiesen Erfolg der ganzen Gesellschaft ausmachen.
            Wenn diese Äußerungen verschiedene Arten von Standes- und Klassenbewusstsein zum Ausdruck bringen, verwischen und camouflieren sie gleichzeitig die Gemeinsamkeiten. Da ist als erste die, dass alle unter dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse auf eigene Rechnung handeln und unter der ideologischen Rechtfertigung, dass dies allen zu Gute käme – irgendwie. Weiters haben wir es mit der Trennung von den Produktionsmitteln zu tun, die in gleichem Maße für alle Beteiligten gilt. Gerade wenn gesellschaftliche Produktion, allgemeingültig gesehen Gesellschaftlichkeit, Gemeinsamkeit, als Rohstoff betrachtet wird, steht er nicht mehr zur Verfügung. Wenn eine Gesellschaft einen Teil ihrer Mitglieder zwingt, ihr Arbeitsvermögen zu verkaufen, bedeutet dies, dass dieses Arbeitsvermögen nicht mehr umsonst (oder wenigstens nicht um den Preis der Garantie persönlicher Fürsorge und Beziehung und Angehörigkeit) zur Verfügung steht. Von diesem Produktionsmittel ist also die Bourgeoisie getrennt durch dieselben Vorgänge, die das Proletariat von seinen (vormaligen, agrarischen oder handwerklichen) Produktionsmitteln trennt.
            Gleichermaßen entfalten Arbeitskraft, Rohstoffe, Lebensmittel, etcet. gegenüber Proletariat und Bourgeoisie ein Eigenleben insofern, als sie sich gegenüber den Leuten entzogen halten und erst durch Kauf und Verkauf in Gang gesetzt, konsumiert, verwendet werden können. Nicht umsonst spricht Marx davon, dass Kapital „vorgeschossen“ wird, um dies oder jenes zu tun – wir sehen, dass die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel keinen großen Unterschied zwischen Proletariat und Bourgeoisie ausmacht. Im Gegenteil und im Licht der Abstraktion durch die Lupe der Gesellschaftskritik betrachtet, stehen beide, Proletarier und Bourgeois, mit nichts da als sich selbst. Was aber in den vergangenen Gesellschaftsformationen einem Todesurteil gleichkam, nichts zu haben, als sich selbst, vogelfrei zu sein, das ist nun erst der Eintritt in die Gesellschaft, in der wir leben. Wir nennen, diese Leute, die nichts haben, als sich selbst, von allem getrennt sind und jeden Bezug erst durch Kauf und Verkauf herstellen müssen, die mit nichts als sich selbst den gesamtem gesellschaftlichen Bezug herzustellen sich anschicken, Subjekte.

4.

Als Subjekte treten in der Gesellschaft alle Leute auf, aber nicht notwendigerweise immer nur als Individuen. Schon Marx hat darauf hingewiesen, dass der moderne Bürger in zwiefacher Gestalt auf uns kommt, als citoyen wie als bourgeois (hier ist es schon falsch, vom Individuum – vom Ungeteilten – zu reden, und Günther Anders spricht auch folgerichtig vom modernen Menschen als Dividuum). Dabei geht es nicht nur um verschiedene Tätigkeiten, die der eine wie der andere (als derselbe) ausführt und ausübt, es geht auch um verschiedene Zugehörigkeiten, einmal zur Klasse, das andere mal zum Staat. Was Marx aber in diesem Zusammenhang verschweigt (weil es nicht unbedingt sein Thema war), dass sich sowohl Klasse als auch Staat als Subjekte konstituieren.
            Wenn wir die Konstitution von Subjekten betrachten, so müssen wir dies unter zwei Gesichtspunkten tun. Einmal betrachten wir die entwickelten, ausgebildeten Zustände der Gegenwart, unserer Zeit, unseres Raums, unserer Gesellschaft, zum anderen betrachten wir den historischen Prozess, der zu diesem entwickelten, ausgebildeten Zustand geführt hat, den ich gerne „Modernes Ensemble“ nenne.
            In diesem Prozess also konstituieren sich gesellschaftlich Handelnde als Subjekte, das heißt, sie machen sich daran, mit nichts anderem als sich selbst, eine neue Welt zu gründen, die wir dann Gesellschaft (des modernen Ensembles) nennen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Homepage „http://theory-in-progress.lnxnt.org“ verweisen, wo Petra Haarmann in ihrem Artikel (s. Fußnote 8) „Bürgerrecht auf Folter“ davon spricht, dass recht eigentlich nur unsere gesellschaftlichen Zustände, nur unsere Formation die Bezeichnung Gesellschaft verdient. Dieser Konstitutionsprozess aber geht von einigen europäischen Fürstenhöfen aus, an denen sich die Intelligenz der damaligen Zeit (wir sprechen von der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, als dieser Prozess, der den Namen Aufklärung annahm, schon manifest im Gange war; seine Anfänge mögen bis in das sechzehnte Jahrhundert reichen, aber chronologische Feinheit ist jetzt nicht Thema dieses Aufsatzes) versammelt hatte, aber über die Höfe hinweg etwas Neues geschaffen hatte, nämlich Öffentlichkeit.
            Diese Öffentlichkeit entstand also als Gelehrten- und Philosophenkorrespondenz und war männlich ausgerichtet, insofern als sie Traditionen und Wurzeln und Bezüge auf die Versammlung der freien Männer (der Krieger, der Stämme, der gentes, des Kronrats, des Heerbanns, etcet.) sich zu Eigen machte. Außerdem und gleichzeitig war sie etwas Neues insofern, als sie sich nicht mehr an die Beziehung der Freien und Verwandten untereinander richtete, sondern explizit und ausgesprochen gegen sie – Freiheit und Verwandtschaft wurden neu definiert und als Emanzipation gegen die Fürsten in der Form der Menschenrechte ausgesprochen und propagiert.

5.

Die Konstitution als Subjekt ist also von allem Anfang an verbunden mit Öffentlichkeit, und zwar mit einer Öffentlichkeit, die nicht mehr höfisch und verwandt ist, sondern auf einer Gleichheit beruht, und einer Emanzipation, die Freiheit neu definiert: nicht mehr als Freiheit des bewaffneten freien Manns, der eine Welt zu erhalten, zu garantieren und zu mehren hat, sondern als Freiheit des unbewaffneten Mannes, dem die Welt offen steht als Rohstoff für seine Unternehmungen. Unbewaffnet ist dieser neue freie Mann nur in ideologischer Darstellung, in seiner Selbstsicht. Dass zu seiner Unternehmung die banale Feuerwaffe nötig, verschweigt er. Lieber spricht er von den Waffen des Geistes, der Kritik und vom bewaffneten Auge – da meint er Fernrohr und Lupe als Metapher für die nun entstehenden Einzelwissenschaften, aber dass er sie mit Waffen gleichsetzt, ist ein eigenes Kapitel in der Durchsetzungsgeschichte.
            Bei der Definition seiner Unternehmungen wendet sich das Subjekt konkurrent gegen alle anderen; gegen seinesgleichen im Wettbewerb, gegen anderen, die nicht seinesgleichen sind, indem es ihnen Gleichheit und Freiheit abspricht. Erst müssen diese anderen einen Prozess der Emanzipation durchlaufen, in dem sie sich der Weihen bürgerlicher Gesellschaft als würdig erweisen. Und je mehr diese bürgerliche Gesellschaft – Geselligkeit – zu sich kommt, desto mehr verliert dieser Prozess der Emanzipation den Charakter der Initiation, der Geheimniskrämerei und Heimlichtuerei und gewinnt immer mehr bürgerlich öffentlich-politisches Verhalten, was den Emanzipationsprozess um nichts weniger heftig macht.
            Das bürgerlich-männliche Subjekt definiert dabei gegenüber einer ihm offen stehenden Welt, die es nur rohstofflich, als Lieferant von Rohstoff zu seinen Unternehmungen betrachtet, alle anderen als Bestandteil dieser rohstofflichen Welt. Das führt zum Ausschluss aller, die den ursprünglichen Emanzipationsprozess nicht mitgemacht haben. Dabei werden sie entweder bekämpft (Fürstenwillkür, grand corruption), als privat in Kauf genommen und für alles Nichtöffentliche zugerichtet (Frauen) oder als Bildungsmaterial betrachtet („Wilde“, die das Objekt des Bildungsauftrags sind – „the white man’s burden“), das erst zivilisiert werden muss; während Frauen und Nichteuropäer in vormodernen Verhältnissen noch durchaus als frei, verwandt, als Fürst oder Königin wahrgenommen wurden, werden ihnen diese Attribute mit der Definition des Adligen als korrupt, als feindlich ersatzlos aberkannt. Sie sind nun weder moderne Subjekte noch dem ancien régime angehörig. Andere Bevölkerungsschichten werden erst neu geschaffen und in einen Emanzipationsprozess hineingeführt. Hier ist die Rede von Arbeitern und Kindern.
            Dass die Arbeiter durch diesen Prozess hindurchgegangen sind und von der Klasse an sich zur Klasse für sich geworden sind, gehört zu den großen Erzählungen ebenso wie die emotionale Aufladung dieses Prozesses mit den Vorstellungen von einer besseren Welt. Gerade hier wird deutlich, wie die Subjektkonstitution als gesellschaftlicher Prozess zu sehen ist, der sich nicht auf Individuen beschränkt, der den emanzipativen Anspruch, eine neue Welt zu schaffen, zwanghaft wiederholt und der eben diesen emanzipativen Anspruch als eigene Unternehmung rechtfertigt.
            Was die Emanzipation der Kinder betrifft, so zeigen sich heute die Tendenzen zum Verlust der Kindheit sowohl in der entsprechenden entwicklungspädagogischen wie didaktischen Fachliteratur als auch im wirklichen Leben. Während etwa ein Markt für spezifische Kinderkleidung, Freizeitgestaltung, etcet. immer mehr fehlt und das Konsumverhalten schon der kleinsten Kinder an das der Erwachsenen angeglichen wird, gibt es gegenläufig dazu eine Tendenz der Verjugendlichung oder auch Verkindlichung, die altersgemäße Verhaltenszuschreibungen immer schwieriger macht; genannt sei hier als Beispiel das Girlie-Phänomen, das wirksam ist etwa im Zeitraum von vierzehn Jahren bis vierzig Jahren. Daneben kann auch ein Machogehabe unter Männlichen festgestellt werde, das ungefähr denselben Altersraum abdeckt und mit kriegerischen (nicht soldatischen!) Versatzstücken und Kulissen sich umgibt, was Kleidung, Haare, Tracht und Betragen betrifft. In beiden Fällen aber wird quer durch alle Altersstufen und unter Auflösung vormals entwicklungsbedingter oder entwicklungspsychologisch betrachteter Unterschiede eine Zwiegeschlechtlichkeit hergestellt, die sich auf ihre Sexualisierung beschränkt (unter billigender Inkaufnahme des Verlust von Erotik übrigens und unter den ideologischen Vorgaben und dem gouvernantenhaften Blick des gender mainstreaming, das für eine gerechte Verteilung von Freiheit und Gleichheit und Subjektivität zu sorgen hat).

6.

Die Emanzipation der Frauen stellt in der Konstitutionsgeschichte der modernen Subjekte einen eigenen, für das gesamte Moderne Ensemble wiederum konstitutiven Fall dar. Die Konstitutionsgeschichte des modernen Subjekts stellt sich als männliche Emanzipation dar, zeitlich erst seit historisch kürzester Zeit wirksam und in der Durchsetzungs- und Wirkungsgeschichte räumlich beschränkt auf Teile Westeuropas und noch kleinere Teile Nordamerikas (so ist es eigene historische Untersuchungen wert, warum die Ideen der Unabhängigkeit in den Englischen Kolonien Nordamerikas bloß auf einen kleinen Küstenstreifen beschränkt blieben). So genannte Wilde, denen vordem noch mit höfischem Zeremoniell begegnet werden konnte (aber auch nicht immer musste, das wurde quasi von Fall zu Fall entschieden), waren in der Welt der Moderne zunächst wegen ihrer räumlichen Beschränkung nicht vorhanden, und wenn doch, dann nicht konkret oder als Abstoßungspunkt einer neuen Definition unterworfen (der edle Wilde der Aufklärung, der bloß ein Bild der Aufklärung vom Menschen schlechthin war, oder der Faule, Unzivilisierte oder wenigstens nicht voll Entwickelte, Rückständige; dass etwa ein indischer, afrikanischer oder chinesischer Hofstaat als strukturell rückständig betrachtet werden konnte, ist eine Errungenschaft erst des Kolonialzeitalters, also ein vergleichsweise rezentes Phänomen).
            Die neue Weltordnung, als deren Handelnde nun die Subjekte (Individuen wie Verbände) auftraten, war zwar beschränkt genug, um Freie und Verwandte, also die Handelnden der religiösen Formation, sowie Nichteuropäer auszuschließen und Nichtintelligenz und Nichtsesshafte als Arbeitende neu zu definieren, dies konnte aber in Bezug auf die Frauen nicht gelingen. Ihre Rechte und Pflichten, wie sie durch das religiöse Zeitalter formuliert waren, sollten war nicht mehr gelten, aber ein Kampf gegen sie wie gegen die Fürsten war nicht möglich. In der neuen Ordnung wurde ihnen daher ein Ort zugewiesen, der eigentümlich schillernd war. Zum einen war er bezogen auf das Subjekt als neues gesellschaftlich Handelndes, dort aber von der Öffentlichkeit des Subjekts abgeschnitten und verwiesen auf den Raum und die Zeit, da der Mann seiner Subjektivität enträt; wo er ganz privat die Früchte seines öffentlichen Handelns genießt. So finden wir in der bürgerlichen Gesellschaft, in der bürgerlichen Geselligkeit ein neu definiertes Geschlechterverhältnis vor. Nun steht die Freie Frau nicht mehr einem Haus vor, sondern die Hausfrau organisiert das Repräsentieren gelungenen bürgerlichen Lebens. Dazu gehört dann auch, dass ihre äußerliche Schönheit in diese Repräsentanz eingeht, dazu gehört aber auch, dass sie in dieser Darstellung des – öffentlichen – Erfolgs des Manns verschwindet, denn die Darstellung gelungenen Lebens in Form einer gelungenen Unternehmung ist nicht die Unternehmung selbst.
            Schwangerschaft, Liebe, Betreuung, Sorge, Repräsentanz, all dies gilt nicht als Unternehmung, sondern der Schwangerschaft ähnlich als natürliche Ressource, als Rohstoff des Weiblichen. Will nun eine Frau in die bürgerliche Welt als Subjekt konkurrent mit eigener Unternehmung eintreten, so wird diese ihre Emanzipation sie nicht von den von der bürgerlichen Subjektkonstitution abgespaltenen Bereichen befreien. Sie wird sich der Frage ausgesetzt sehen, wie sie das mache als Arbeiterin, Unternehmerin, Politikerin, etcetin und als Mutter. Ist sie keine Mutter, folgt die Frage, ob das den Verzicht lohne. Es ist diese Frage, die es erlaubt respective erfordert, von Abspaltung zu sprechen, die weiblich konnotiert, und von Subjektkonstitution, die männlich konnotiert ist. Und es ist diese Konnotation, die auf eine Verweigerung der Bürgerrechte hinausläuft, auf ein Dementi der Menschenrechte und der ganzen guten neuen Welt, auf eine Einschränkung von Freiheit und Gleichheit sofort am Beginn der ganzen Veranstaltung; es ist auch diese Konnotation, die von der Abspaltung verlangt, dass sie das Subjekt hochhält und sich selbst dabei dementiert. Es ist genau das, was österreichische und deutsche Frauen dazu bringt, jede Stellungnahme mit „Ich bin keine Feministin“, einzuleiten, amerikanische mit „Ich bin eine Feministin“, und beide beklagen dieselben Beschränkungen und Verfolgungen. Die Emanzipation der Frauen, also ihr Eintritt in bürgerliche Öffentlichkeit, ist so immer prekär und immer von sich selbst bedroht, als sollten die Frauen nie wirklich Subjekte werden können oder dürfen.
            Hier am Beispiel der Frauen wird deutlich, wie sehr sich das einzelne Subjekt auf eine Handreichung stützen muss, die emotionales Unterfutter und emotionale Rechtfertigung und Unterstützung bietet und aus den Allmachtsphantasien der Subjekte und ihrer Unternehmungen etwas Einsichtiges und Vernünftiges macht. Gleiches gilt für die Konstitution als Großsubjekte. Auch sie treten zusammen mit ihrer Abspaltung auf, ihrer Abspaltung, die das emotionale Unterfutter bereithält und die durch ihre schiere Existenz das Subjekt sowohl dementiert wie erst möglich macht, nur mit ihm gemeinsam auftritt und sich selbst deswegen als Abspaltung sofort dementieren muss (um nicht die immanente Dementierung des Subjekts vollziehen zu müssen). So tritt der Staat nur mit seiner Nation auf (und tut alles doch nur für die Nation, wie der Ehemann alles nur für Frau und Kinder getan hat, wenn er sie auch schlug), die Klasse nur mit ihrer historischen Mission (auch dabei wird geschlagen) und so fort bis zu den Vereinen mit ihren Kulturgütern (die sie behüten – und wie?).
            Kein Staat also ohne Nation, kein Verein ohne Kultur, kein männliches Subjekt ohne weibliche Abspaltung. Aber das eine kann nicht transzendierend gegen das andere in Stellung gebracht werden – keine weiblichen Anteile vermögen die Männer zu einem besseren Welt hin zu retten, keine Nation kann die Staatlichkeit überwinden zu einer schöneren Welt.


7.

Im Folgenden soll es darum gehen, die Merkmale der Subjekte noch einmal nachzuzeichnen. Zunächst müssen wir festhalten, dass sich Subjekte konkurrent mit eigener Unternehmung konstituieren. Das tun sie auch dann, wenn es keine empirische Konkurrenz gibt, wie das Beispiel des Robinson Crusoe zeigt. Robinson verhält sich auf seiner (!) Insel ganz modern. Anstatt Gott zu danken (das tut er noch) und auf das nächste Wunder zu warten (das tut er nicht mehr), macht er sich daran, sich zu organisieren und beginnt seine Unternehmung konkurrent: Er muss ein besserer Mensch werden und das hat er sich dadurch zu verdienen, dass es ihm besser gehen muss. Ein Kalender soll diese Fortschritte festhalten. Diese Konstitution als konkurrent führt zu Widersprüchen, die das gesamte gesellschaftliche Leben ausmachen werden. Einerseits strebt das Subjekt nach Konkurrenzlosigkeit; das heißt, seine eigene Unternehmung kann nicht überboten werden auf Grund von Originalität, Qualität, auf jeden Fall, weil im Konkurrenzkampf gewonnen wurde, andererseits muss jedes Subjekt die Anwesenheit anderer genauso verfasster und berechtigter Subjekte anerkennen und damit rechnen.
            Dabei fehlt allerdings eine regulierende Instanz, die die Dinge an ihren Platz weist. (und wir sprechen hier nicht von Staaten, die sich einerseits selbst konkurrent konstituieren, andererseits mit je eigener Unternehmung und Entscheidung darüber, wie sie nun welchen Grad von Repression und Einflussnahme gerade auszuüben gedenken). Gott übernimmt diese Aufgabe nicht mehr und das Subjekt wäre zwar mit Allmacht ausgestattet, aber die Sache krankt daran, dass es zu viele Allmächtige gibt. Das führt nun dazu, dass gesellschaftliche Regulierungen nicht mehr in Form verbindlicher Handlungsanweisungen geschehen, sondern in Form von allgemeingültiger Ethik, die der Tatsache gerecht wird, dass hier die Allmacht im Plural auftritt. Wenn nun also die Leute die göttliche Kompetenz der Allmacht an sich gezogen haben, dann kann ihre Anweisung zum Handeln nur die Form des Kategorischen Imperativ annehmen, der einerseits der Allmacht Rechnung trägt (Jedes Handeln ist vorbildlich und handlungsanleitend für das Handeln aller anderen), andererseits die Konkurrenz zu ihrem Recht kommen lässt (Alle können ihre eigene Unternehmung als Maxime formulieren). Die Sache kann klarerweise nicht funktionieren, wenigstens nicht auf der Ebene moralischer Einsicht (nicht weil die Leute nicht gutwillig genug wären, sondern weil sie vor lauter Nachdenken nicht zum Handeln kämen), und so bringt Schopenhauer eine Generation später mit seinem Stachelschweingleichnis schon so etwas wie selbstregulierende Naturkräfte für das Zusammenleben in s Spiel. Einige Generationen früher allerdings hat Hobbes schon ausgedrückt, dass es nicht klappen würde, allerdings mit dem, was später Pessimismus (auch eine Form philosophischer Unternehmung, denn erst als Subjekt ist der Mensch frei, die Welt nach seiner Sicht subjektiv zu interpretieren) genannt würde: „Der Mensch ist der Wolf des Menschen.“
            Aus dieser Sicht entsteht auch der doppeldeutige Charakter des Begriffs „Subjektivität“. Einerseits ist mit Subjektivität jede Garantie ausgesprochen, der gesellschaftlich Handelnde teilhaftig werden können, womit auch die Freiheit neu definiert ist: Es ist die Freiheit der Meinung, der Religion, der Rede, der Veröffentlichung, alle ausgesprochen mit der ihr eigenen Konsequenzlosigkeit: „Sag und tu ungestraft, was Du willst, es hat keine Folgen.“ Andererseits wird mit Subjektivität auch ausgedrückt, dass das Eigene auf sich selbst beschränkt bleibt, was immer auch über die segensreichen Auswirkungen subjektiven, verantwortlichen Handelns für sich selbst und andere gesagt wird. Hier kommt das Objektive in s Spiel, das nun dafür zu sorgen hat, dass das subjektive Handeln auch segensreich werden kann (natürlich unter Beachtung des Kategorischen Imperativs) wieder mit einer Neudefinition der Freiheit, nun als Einsicht in die Notwendigkeit.

8.

Subjekte beachten, dieser Konkurrenz folgend, eine Hierarchie in der Subjektwerdung und der dafür erforderlichen und damit verbundenen Emanzipation. Dies führt dazu, dass zwar die gesellschaftlichen Verhältnisse auch durch die Gewalt, die am Anfang unserer Ausführungen stand und bei Marx als Prozess der ursprünglichen Akkumulation beschrieben wurde, in der ganzen Welt durchgesetzt werden konnten, nicht aber die Subjektivität, die sich mit dieser Gewalt konstituierte. Von dieser Subjektivität ausgenommen sind in Westeuropa wenigsten teilweise die Frauen und die Juden; die Frauen, weil sie, wie oben besprochen, mit der alten Welt ihrer alten Rechte und Pflichte verlustig gingen, die neuen gesellschaftlich Handelnden sich aber konkurrent – zunächst gegen alles, was an religiöse Verhältnisse gemahnte – konstituierten und damit auch alle menschlichen Beziehungen neu gestalteten und definierten, auch die Beziehungen der subjektiven, europäischen Männer zu ihren Frauen. Die Juden wiederum gerieten in Konkurrenz zu den männlichen europäischen Subjekten, weil sie einerseits an der Subjektkonstitution der höfischen Intelligenz, der Aufklärung und der Entwicklung der Wissenschaften Anteil hatten, sich aber aus ihrer Tradition heraus nicht national organisieren konnten oder ein nationales Bekenntnis nicht akzeptiert wurde, die verwandtschaftlichen Bezüge in ihrem Weiterbestehen dem Vorwurf Nahrung boten, die Juden wären bloß Parasit an der modernen Zivilisation. Wobei zu beachten ist, dass dieser Vorwurf auf die nationale und nicht die staatliche Dimension abzielt, hier also die Abspaltung in ihrer Bedeutung für die Subjektkonstitution ganz massiv in s Spiel kommt.
            Die Gewalt, mit der das Subjekt die Welt betritt, ist im Vergleich zur religiösen Welt etwas Neues. Erstmals richtet sich diese Gewalt innerhalb der eigenen Verhältnisse gegen diese. Kriege und Kreuzzüge, noch Ketzerverfolgungen und Überfälle hatten einen quasi rationalen Gehalt, eine religiöse Berechtigung und strebten auch keine Vernichtung des bekämpften Gegenübers an. Die Gewalt ist nun allgegenwärtig und strukturell geworden, sie ist nicht mehr Sache der Einzelnen, die sie dazu anwenden, die gottgegebene Ordnung gottgefällig zu verwalten. Konnte ein König noch dafür gelobt werden (und alle strebten nach diesem Lob, Könige, Kaiser, Konsulen und Khane), dass die Wege in seinem Reich sicher waren, so ist dieses Lob für einen Bundeskanzler oder eine Ministerpräsidentin unvorstellbar. Die Gewalt dient nun nicht mehr der Sicherheit der Wege, dem Schutz der Witwen und Waisen, der Befreiung der Gefangenen (alles Dinge, für die heute niemand zuständig ist), sondern dem Aufrechterhalten der Bedingungen, unter denen ein sozialer Zusammenhalt durch Konkurrenz hergestellt wird. Um dieses Oxymoron zu erreichen, das noch dazu als das natürliche Verhalten des Menschen schlechthin, das Artgerechte des Gattungswesens gesehen wird (von Hobbes bis Desmond Morris, vom homo hominem lupus bis zum Raubaffen), ist es nur vernünftig, wenn die Leute sich unbewaffnet begegnen, sich jeder Herrschaft über andere enthalten, soweit sie nicht im institutionalisierten, ideologisch anerkannten Rahmen ausgeübt wird (solange also die Beherrschten nicht emanzipiert sind), und sich darauf beschränken, sich selbst und ihr Metier zu beherrschen. Die Garantie dessen wird dem Staat überlassen, der sich zu dieser Unternehmung wiederum als Subjekt konstituiert, in der politischen Konkurrenz darüber entscheidet, in welcher Art diese Garantie vollzogen wird, oder anders gesagt, wie und in welchem Maß die staatliche Repression ausgeübt wird, die nun gegenüber der untergegangenen religiösen Welt das Neue darstellt: War es vordem die Majestätsbeleidigung, die das höchste Verbrechen an der Gemeinschaft war, so ist nun der Bruch des Gewaltmonopols. An dieser Stelle ist dann auch die längst überfällige Bemerkung angebracht, dass wir für diesen Staat, für diese Gesellschaft nicht mehr von der subjektlosen Herrschaft oder Gewalt sprechen, bloß weil individuell feststellbare Verantwortlichkeiten fehlen (statt denen wird von Sachzwängen gesprochen). Wir sprechen von verallgemeinerter subjektiver Herrschaft, womit wir der Tatsache Rechnung tragen, dass sich diese Vergesellschaftung auf die durchgesetzte Selbstbeherrschung des Subjekts stützt, auf diese paradoxe Vernunft, die es erlaubt, ganz für sich zu sein und so gesellschaftliche Verbindungen herzustellen.
            Aber neben staatlicher Repression und Entwaffnung der Subjekte gibt es noch einen zweiten Ausweg, der inneren Widersprüchlichkeit der Subjektkonstitution zu entgehen. Das ist die Liebe. Auch sie war ehedem göttliche Kompetenz, und zwar so sehr, dass die Liebe mit Gott gleichgesetzt wurde. Aus dieser Liebe heraus ist auch das Erlösungswerk zu erklären („So sehr hat Gott die Menschen geliebt, dass er seinen einzigen Sohn ...“). Mit der Subjektkonstitution wird aber nicht nur die Allmacht und die Schöpferkompetenz Gott genommen und den Menschen, sofern sie als Subjekte agieren, übertragen (im Übrigen auch an die Natur, die ebenso schöpferisch dargestellt wird, wenn auch nicht selbstbewusst, wenn auch tot, aber immerhin als Rechtfertigung des Subjekts dient, dessen Natur es ist, so zu sein, wie wir es sehen, dessen gesellschaftliche Zusammenhänge natürlich sind, wogegen nicht verstoßen werden darf und so fort). Zunächst, bei einem sich abzeichnenden Verlust Gottes, reagierte die Religion noch darauf, dass nun nicht mehr Gott die Menschen liebt, sondern die Menschen ihrerseits nun Gott zu lieben hätten. Den Höhepunkt erreicht dies nach der Reformation in pietistischen Strömungen sowohl katholischer als auch evangelischer Provenienz.
            Mit der Subjektkonstitution aber wird die Liebe zum Vermögen, die Welt zu erhalten und zu retten und immer wieder herzustellen, gleichzeitig wird dieses Vermögen der Liebe zu etwas Natürlichem, das in der Frau gefunden wird und in Hinkunft ihre Stellung im neuen Geschlechterverhältnis der „Abspaltung“ in der Moderne, in der bürgerlichen Gesellschaft, in der kapitalistischen Produktionsweise findet. Nun ist die Liebe die natürliche Bestimmung der Frau und nimmt für sie die Form einer Bedrohung an ebenso wie eine Aufgabe, mit der sie in die bürgerliche Gesellschaft eintritt. Kannte die Welt vor der Moderne noch eine Unzahl von Lieben (von der Loyalität der Gattenliebe über hohe und niedere Minne bis zu ekstatischen Gemeinschaftserlebnissen), so gibt es jetzt nur noch die eine, wahre, die möglichst erfolgreich gestaltet werden muss und deren Scheitern mit den jeweils gültigen Sanktionen begegnet wird, einem Scheitern, das unausweichlich kommen muss insofern, als der göttliche Ursprung Unmenschliches verlangt, das in den meistens Fällen zu stiller Resignation im Sichvertragen reduziert wird, was aber nicht bedeutet, das die Subjekte, Männer wie Frauen, nicht mehr für die nächste große, wahre Liebe bereit wären und für diese Liebe ihr eigenes Leben auf s Spiel setzen.


9.

Zwar ist die Subjektivität durchaus ein Spiel mit der eigenen körperlichen Existenz als Einsatz, dennoch muss ich in dieser Darstellung darauf bestehen, dass das jeweilige Subjekt etwas vollkommen Abstraktes ist. So wir das Subjekt nicht mit dem Individuum verwechselt werden darf, das mir leiblich entgegen tritt und dabei subjektiv handelt uns ich verhält, so darf auch der Staat nicht verwechselt werden mit seinen – leiblichen – Institutionen, seinen Verwaltungsorganen, Solidarkassen, Unternehmern und Auftraggebern. Die Abstraktheit des Subjekts zeigt sich ja gerade an der Abwesenheit von namhaft und haftbar zu machenden Verantwortlichen. Verweist der für sein vorschriftsgemäßes Verhalten gescholtene Beamte auf die Regeln, die auf Vollzugsordnungen, die wiederum auf Verordnungen, die wiederum auf Gesetzen beruhen, die wiederum in der Verfassung ihre Deckung finden, und wenn er dann den gut gemeinten und staatsbürgerlich vollkommen korrekten Rat gibt, eine Bürgerinitiative zu gründen oder beim gewählten Abgeordneten zu antichambrieren, hat er den Beschwerdeführer nur auf sich selbst verwiesen (und auf den kategorischen Imperativ, ohne sich dessen gewahr zu sein.
            Ähnliches beschreibt Marlene Streeruwitz in ihrem letzten Roman, durch den sich jenseits der Handlung die Frage der Heldin nach angemessener Reaktion auf, was ihr widerfährt, zieht. Und siehe da, es kann ihr alles an jedem Ort widerfahren und dasselbe anderen und andere reagieren darauf anders und sie hätte auf dasselbe Zugestoßene noch gestern anders reagiert und es war immer angemessen oder nie. Und Ähnliches geschieht in der Tauschbörse1 soulseek im Internet, wo alle ihre Regeln selbst machen und sie verkünden und sie gelten und ein jedes ist besonders originell und alle sind gleich und verschieden.
            Nun ist dies aber kein Betriebsunfall der Subjektkonstitution, sondern deren Voraussetzung und von vornherein so angelegt, gemeint, gewollt und praktikabel. Schon die Freiheiten der Meinung, Presse, Rede, Versammlung sind darauf abgestimmt, die Öffentlichkeit nicht zu tangieren. Zwar kann gesagt werden, was da will, aber es hat keine Auswirkungen. Insofern bleibt es ungestraft und weiß von sich noch nicht einmal, dass es mit seiner leiblichen Existenz und Äußerung nur bestätigt, was als natürlich vorgegeben erscheint: dazusein, um niemanden zu stören und glücklich zu sein, unterworfen unter die Naturgesetze, die alles so weise eingerichtet haben. Und doch kommt auch diesem Zweck die Subjektivität in die Quere insofern, als das Subjekt ja auch danach strebt, in seinem konkurrenten Treiben als letztes überzubleiben und vereinsamt und vereinzelt die sich selbst versprochene Welt zu gewinnen. Dass dies auch und gerade für die Konstitution, das Auffinden und Namhaftmachen, das Treiben und Wesen des revolutionären Subjekts gilt, sei nur am Rande, aber warnend erwähnt.


10.

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich grosso modo eine chronologische Hierarchie für das Moderne Ensemble. Die Konstitution als Subjekte schafft über die Entstehung von Öffentlichkeit die Voraussetzung für die bürgerliche Gesellschaft mit Nationalstaat und kapitalistischer Produktionsweise. Zwar kann mit einer ketzerischen argumentativen Verkürzung gesagt werden, dass es erst Klassen brauchte, bevor an die Etablierung von Kapitalismus gedacht werden kann, aber die chronologische Hierarchie sollte hier nicht im Vordergrund stehen. Das hieße, angesichts sehr kurzer historischer Zeiträume von einigen Jahrhunderten die Frage falsch stellen. Eher muss das Moderne Ensemble als etwas Prozessierendes betrachtet werden, dessen Bestandteile und Wesensmerkmale in verschiedener Gewichtung vorzufinden sind, je nach Zeit und Raum. Dazu kommt noch, dass chronologische Abfolgen kein Argument gegen eine logische Gleichzeitigkeit sein können.
            Andererseits ist die Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklung ein Wesensmerkmal der bürgerlichen Gesellschaft. Allerdings ist diese Beschleunigung an technische Entwicklungen gebunden, die die vereinzelten bürgerlichen Subjekte in einen Strudel zu reißen scheinen, der ihnen ihre Subjektivität immer mehr in Frage stellt. Vor allem sieht es so aus, als würden unkontrollierbare, „natürliche“ Gesetzmäßigkeiten dafür sorgen, dass der subjektive Zugriff und Eingriff nicht mehr oder in immer geringerem Maße möglich ist.
            Diese Gesetzmäßigkeiten sind aber keineswegs vorgegeben, wenigstens nicht „von Natur aus“, sondern zwar nicht geplant und erdacht, aber doch von Menschenhand geschaffen. Zu diesen Produkten ihres Handelns verhalten sich die Leute nun so, als würden sie ihnen von außerhalben entgegentreten und mit ihnen Kommunikationen aufnehmen und entsprechendes Verhalten verlangen, so wie dies ein Wetter tut oder ein Tier. Indem also die Leute die Produkte ihres Handelns – mit ihrem Handeln zusammen übrigens – an die „Natur“ zurückgeben, begeben sie sich der Allmacht, die sie als Subjekte sich arrogiert haben. So hat das Subjekt in fetischistischer Verblendung eine Sicherheit für die Gesellschaft eingezogen, dass sie so schnell nicht zerstört werde, da sie ja von der Natur sanktioniert sei. Gleichzeitig damit ist auch eine Schranke gezogen für die Emanzipation von Subjekten nichteuropäischer, männlicher Provenienz und von Frauen.
            Diese Schranke aber führt zur Gewalt, von der wir am Anfang ausgegangen sind. Die Subjekte haben sich entwaffnet und ihre personale Gewalt an die verallgemeinerte Repressionsinstanz Staat übertragen. Der Staat (die Nationalstaaten der bürgerlichen, westeuropäischen, nordamerikanischen, japanischen Moderne) garantieren nun den Subjekten mit militärischen Mitteln, dass sie ihre Reproduktionsbedingungen überall vorfinden, ohne gleichzeitig allzu großer Konkurrenz gewärtig zu sein. So garantiert die Gewalt eine für subjektive Unternehmungen zugerichtete Welt unter gleichzeitigem Ausschluss eines großen Teils der Menschheit von Subjektivität und Emanzipation. Wie weit dieser Ausschluss nicht auch seine positiven Seiten hat, ist Frage der Diskussion. Sicher kann aber nicht die eine Rückständigkeit gegen die andere Barbarei in s Treffen geführt, der Rückgriff auf religiöse Sicherheiten als Heilmittel einer an ihren Widersprüchen leidenden und zu Grunde gehenden Moderne angeboten werden.

1 In der Folge einige Beispiele dafür, wie Subjekte damit umgehen, dass sie Regeln erstellen müssen. Wenn sie die Tauschbörse "soulseek" im Internet benützen, stimmen sie schon diesem einerseits a priori vorgegebenen, andererseits selbst erstellten Regelwerk zu; sowohl dessen Existenz als auch dessen Gebrauch – und in Existenz und Gebrauch finden wir wieder die Begriffsverdopplung der Moderne vor in Objektivität und Subjektivität.
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 If you need or want anything from A-G or N-Z, please ask and I will be happy to add it.
Happy downloading, and please let's be nice to each other?


BTW, my user pic is Faust last night in Edinburgh (9th of June, 2007)
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samedi 2 juillet 2011

A propos d'un très mauvais film

Ce film est une merde avec les poncifs habituels. Ces gens qui n'ont même pas pris la peine de le lire tentent de  falsifier encore une fois Karl Marx...
 Conseillé aux cons et aux stalinoides degocheue. On y trouve en bonne place les dinosaures de la désinformation comme Négri, Rancière, des médiatiques comme Norbert Bolz ou Peter Sloterdijk...
Des perles: "Pour Marx la force mystique du capitalisme se cache dans les tréfonds de la société de consommation..."
Bla bla bla 



vendredi 1 juillet 2011

Fukushima - Bien plus grave avec le MOX

Dans cette vidéo, l’expert dit qu’une explosion atomique a probablement eu lieu, non pas dans un réacteur, mais au niveau du réservoir de combustible MOX. le MOX est le combustible contenant du plutonium. Il a été fourni par la France (AREVA) à Tepco. C’est peut-être pourquoi cette info n’est pas très divulguée en France.
Russia Today (télévision russe en anglais) le 27 avril 2011.
En Russie, la télé mentirait momentanément moins qu’en France 

Des communautés de lutte ?


jeudi 30 juin 2011

The decline and the fall of the "spectacular" commodity-economy

Une fois n'est pas coutume, la traduction en anglais du texte de Debord " le déclin et la chute de l'économie spectaculaire- marchande " sur les émeutes de Watts (13-16 août 1965) a été éditée trois mois avant la parution de l'original en français. Cette brochure de 7 pages, sortie fin décembre 1965, était conçue comme un supplément au numéro 10 de la revue Internationale Situationniste ; elle était par ailleurs complétée par un appendice d'une page, la note de présentation de l'I.S., version anglaise d'un texte collectif dont la rédaction en français avait été particulièrement ardue (entre Debord, Vaneigem et Khayati, du 22 octobre au 6 décembre) ; cette note était destinée à être placée en appendice d'un autre supplément au numéro 10, "Les luttes de classes en Algérie", paru le 21 décembre 1965 :
« Nous avons publié, cette fois, quelques " suppléments " avant le numéro 10 d'Internationale Situationniste, qui paraîtra seulement le mois prochain. [...] À la fin de notre récente brochure anglaise, je crois que vous pouvez trouver un bon résumé (très résumé) de la position fondamentale de l'I.S. » (Guy Debord à Chatterji, 12 janvier 1966). 
« Le rôle du traducteur doit être, chaque fois que c’est possible, d’améliorer le texte. »
Guy Debord à Jean-Pierre Baudet, 10 août 1985.
Dès l'automne 1965, Guy Debord cherche un traducteur qui puisse se charger de la version anglaise du texte : « Nous allons publier prochainement un numéro 10. Il y aura un article sur la révolte à Los Angeles. Nous pensons le traduire en anglais, pour en faire un tirage à part. Pourriez-vous faire cette traduction ? Il s'agit de onze pages dactylographiées, d'un texte assez difficile, je le crains. » (Guy Debord à Sean Wilder, 12 novembre 1965).

Parallèlement, on met à l'essai un " Anglais de Paris ", Donald Nicholson-Smith :
« Pour la traduction anglaise. Je saurai vendredi si l'Anglais - qui avait l'air très bien - à qui je l'ai confiée l'aura effectivement faite. Sinon, j'enverrai tout de suite le texte à Toulouse, où un abonné américain de l'I.S. a répondu qu'il traduirait volontiers cela en huit jours. Quand nous l'aurons, vous feriez bien en effet de la faire relire par le professeur américain ». (Guy Debord à Mustapha Khayati, mercredi 1er décembre 1965).

L'Anglais remet sa copie dans les délais (ou presque, compte tenu du retard pris pour la finalisation de la notice de présentation de l'I.S.) :
« La traduction anglaise de " Los Angeles " est presque achevée - par l'Anglais de Paris, qui est finalement très bien. Un autre traducteur virtuel - américain - est à Toulouse. Je vais essayer d'obtenir de lui la traduction d'un autre texte : on approche ainsi du matériel d'une brochure en anglais, quand on en trouvera l'occasion. » (Guy Debord à Mustapha Khayati, mardi 7 décembre 1965).
L'élaboration de la traduction anglaise aura aussi permis de donner enfin un titre à l'article à paraître en mars 1966 dans le numéro 10 de l'I.S. :
« J'ai déjà envoyé hier le projet sur Los Angeles (un article dans Le Monde d'avant-hier le renforce splendidement). Renvoyez vos observations. Et, si possible, un titre. On pense à quelque chose qui proclamerait la rationalité, la conduite parfaitement juste " des insurgés de Watts " (les mots nous manquent) - ou bien le titre détourné en bloc : " Introduction à une critique de l'économie politique ", mais c'est une plaisanterie un peu lourde pour un sujet si grave. » (Guy Debord à Mustapha Khayati, 4 novembre 1965).
« " Les raisons de la colère " ? Il semble que le jeu de mots est moins clair en anglais - et il faut que notre titre soit conçu aussi pour " l'édition anglaise ". Alice a proposé tout de suite : " Les raisons de la couleur "... J'ai pensé à " La décadence de l'empire du visible ", mais l'allusion à " l'empire invisible " du K.K.K. est un peu frêle. Peut-être faut-il un titre plus lourdement politique, moins " littéraire " ? Le sujet de l'article, finalement, n'est pas tant la révolte des Noirs que le commencement de l'émiettement du spectacle social régnant à son pôle américain, comme la burlesque querelle Pékin-Moscou est cet émiettement manifesté à son pôle idéologique-bureaucratique. » (Guy Debord à Mustapha Khayati, mercredi 1er décembre 1965)
« On a pris pour finir ce titre : Le Déclin et la chute de l'économie spectaculaire-marchande, parce que cela évoque en anglais The Decline and the Fall de Gibbon. L'idée étant la fin, la sortie de l'économie politique elle-même, qui subsiste comme décadence alors même qu'elle augmente la production (par et en tant que " du spectacle "). » (Guy Debord à Mustapha Khayati, mardi 7 décembre 1965)

http://dumauvaiscote.pagesperso-orange.fr

THE DECLINE AND THE FALL OF THE
“SPECTACULAR” COMMODITY-ECONOMY

From the 13th to the 16th of August, 1965, the blacks of Los Angeles revolted. An incident involving traffic police and pedestrians developed into two days of spontaneous riots.
The forces of order, despite repeated reinforcement, were unable to gain control of the streets. By the third day, the negroes had armed themselves by pillaging such arms shops as were accessible, and were so enabled to open fire on police helicopters. Thousands of soldiers – the whole military weight of an infantry division, supported by tanks – had to be thrown into the struggle before the Watts area could be surrounded, after which it took several days and much streetfighting for it to be brought under control. The rioters didn’t hesitate to plunder and to burn the shops of the area. The official figures testify to 32 dead, including 27 negroes, plus 800 wounded and 3,000 arrested.

Reactions on all sides were invested with clarity : the revolutionary act always discloses the reality of existing problems, lending an unaccustomed and unconscious truth to the various postures of its opponents. Police Chief William Parker, for example, refused all mediation proposed by the main Negro organizations, asserting correctly that the rioters had no leader. Evidently, as the blacks were without a leader, this was the moment of truth for both parties. What did Roy Wilkins, general secretary of the NAACP, want at that moment ?
He declared that the riots should be put down “with all the force necessary”. And the Cardinal of Los Angeles, McIntyre, who protested loudly, had not protested against the violence of the repression, which one would have supposed the subtle thing to do, at the moment of the aggiornamento of the Roman church ; instead, he protested in the most urgent tones about “a premeditated revolt against the rights of one’s neighbour ; respect for the law and the maintenance of order”, calling upon catholics to oppose the plundering and the apparently unjustified violence. All the theorists and “spokesmen” of the international Left (or, rather, of its nothingness) deplored the irresponsibility and disorder, the pillaging and above all the fact that arms and alcohol were the first targets for plunder ; finally, that 2,000 fires had been started by the Watts petrol throwers to light up their battle and their ball. But who was there to defend the rioters of Los Angeles in the terms they deserve ? Well, we shall.

Complet text:

The decline and the fall of the "spectacular" commodity-economy

English translation of "Le déclin et la chute de l'économie spectaculaire-marchande", by Donald Nicholson-Smith, Paris December 1965

mercredi 29 juin 2011

La Contre-Révolution en Grèce

Pabliste hésitant à baiser l'Église

«Le peuple est déjà en faillite»

Tout ces Bisounours au chômage ne veulent que le retour à la consommation de masse (que sont devenue les 30 glorieuses avec plein de 4/4 et de boites de vache-folle...). La ceinture se serre de plus en plus et pourtant La solution existe mais elle demande un peu de courage.
L'Église Grecque est immensément riche comme autrefois la française (qui était propriétaire d'un tiers du pays, rien de moins avant la révolution de 1789, causé justement par l'endettement de l'Etat français...).
Six-cent Milliards d'euros !!!
Oui 600 milliards c'est l'estimation que fait le FMI qui ajoute que les actifs de l'Etat Grec sont de plus de 140 milliards. Bref l'argent est là, alors prenez-le !
Vos curés vous baisent foutre dieu !
Prenez le pognon là ou il est avant la chute du dollar.
C'est mieux que de prendre des coups de triques dans des manifestations syndicales.

«Je suis au chômage depuis avril, j'habite toujours chez mes parents. J'ai fait une première année de master de politique sociale à l'université d'Athènes, la plupart des gens de mon cursus ne trouvent pas d'emploi. Je suis venue aujourd'hui car le gouvernement va voter à Athènes des réformes qui ne sont pas acceptables. Il va obliger les jeunes à travailler toujours plus pour gagner moins d'argent. Je viens avec mon syndicat, le PAME, à chaque manifestations. On crie ensemble: «Sans les travailleurs, il ne peut pas y avoir de production». Bla bla bla...

Fukushima 福島第一


Un témoignage à écouter absolument, celui de Laurent Mabesoone, habitant à Nagano depuis 15 ans, papa d’une petite fille de 2 ans.
Comment comprendre l’indicible réalité des habitants du Japon ?
Écoutez-le.
  
 
« Il n’est pas possible de réagir d’une façon normale face à une menace qui n’a rien d’humain.
Les radionucléides sont partout : dans les bacs à sable des enfants, dans l’alimentation, dans l’air. Ils sont là pour toujours, à l’échelle humaine.
Le déni de réalité de la population japonaise n’est pas seulement dû au côté obéissant des Japonais, il est dû au fait que c’est une menace qui est totalement différente de tout ce qu’on peut connaître.
24 000 ans de demi-vie pour le plutonium, voilà ce qu’on a créé. Au Japon, on crée 1000 tonnes par an de déchets hautement radioactifs au plutonium.
On a perdu le sens de la mesure. La technologie nous a rattrapés, on n’est plus humain.
Quand il arrive quelque chose, c’est la menace la plus inhumaine qui existe. Vous n’avez plus nulle part où vous réfugier. Et ça va durer des années. Et vous avez une épée de Damoclès quand vous avez des enfants. Arrêtons ça ! »
 
Laurent Nagano a créé un mouvement pour dénoncer l’utilisation de l’énergie nucléaire au Japon. Il s’appelle « Le ruban jaune ». Chaque vendredi, ceux qui s’engagent avec lui s’habillent en jaune pour rappeler le vendredi 11 mars 2011, ce jour où la catastrophe a commencé.
Voir la vidéo (7min25):
 



Fukushima: la Criirad dénonce des "carences graves"

La Criirad (Commission de recherche et d'information indépendantes sur la radioactivité) a dénoncé, mercredi, à Lyon, au retour d'une mission sur place "les carences graves" des autorités japonaises dans la gestion de la catastrophe nucléaire de Fukushima le 11 mars. "Comment la gestion peut-elle être aussi déplorable, vingt-cinq ans après Tchernobyl ?" s'est interrogé lors d'une conférence de presse Bruno Chareyron, ingénieur en physique nucléaire et membre de la Commission, qui a mené une campagne de mesures et de prélèvements au Japon courant mai. "Pour des raisons économiques, on fait au Japon ce qu'on a fait à Tchernobyl, on n'évacue pas" des populations "qui vivent dans des zones très contaminées" car leur indemnisation coûterait trop cher.

Contribution to a Critique of Situationism

Introduction

"Nevertheless, the false despair of non-dialectical critique and the false optimism of the pure advertising for the system are identical as subjected thought." -- G. Debord, The Society of the Spectacle[1]
"To be a dialectician means having the wind of history in your sails. The sails are concepts. But it is not sufficient to have sails at one's disposal. What is decisive is the art of knowing how to set them." -- W. Benjamin, Paris, Capital of the 19th Century.[2]
There is something rotten in the kingdom of the negative. Everything that today presents itself as the radical critique of society haughtily sounds the refrain of the necessary critique of the ideological illusions secreted by this world; these critiques have simply forgotten to struggle against ideology in their own midsts, and the doctrine of the interpretation of existing facts that permits them to camouflage their own poverty is today called situationism.[3]
It is not uniquely a question of the ambient situationism that nourishes the epoch: from the mediatic[4] parlor-expositions [salonneries] of a [Philip] Sollers to the neo-Heideggerian elucidations of an Agamben,[5] passing through the vulgar diverse and varied recuperations that can be made of the work of [Guy] Debord. Here, the phenomenon is not new: "situationism" is only a "word deprived of meaning," conceived by flagrant "anti-situationists." One easily recognizes it in the will to recuperation -- for the maintenance of this society -- of several ideas discovered and developed in the framework of the Situationist International but which, separated from the revolutionary totality in which they were inscribed, lose their real significance so as to only serve to provide several colors to the superannuated decor of this world.
It seems to us that it is necessary to go beyond this. Indeed, it is not sufficient to denounce what appears in an obvious manner to the eyes of all, namely, the sterilization and utilization of situationist ideas by the dominant ideology, so as to certify "the bitter victory of situationism"[6]; it is necessary to show in broad daylight the current poverty of those who claim, explicitly or implicitly, to be faithful continuers. Among the latter, situationism is no longer a simple word or group of words that serve the spectacular parade, but a truly anchored ideology, resulting from the historical bankruptcy of the movement. Nevertheless, it is not necessary to recognize in it some kind of doxa established by the SI, but what is fixed and petrified beyond it, after its post-1968 failure. As the ideology of the new revolutionary radicality, situationism is the caricature of situationist theory, the loss of that which was sought in its framework and the camouflage of that loss. Situationism is one of the major illusions of current social critique in the sense that it believes it carries radical purity and the accomplishment of critical theoretical intelligence inside of itself. Thus, it seems to us that it is not a question of putting the SI or Debord on trial, of seeking the original error that perverted the entirety of the project ("You know that a creation is never pure," Debord wrote in 1957[7]), but of knowing who currently wants to continue that error.
In the first instance, today one can see all of the diffuse influence of situationism in a quite heterogenous ensemble of discourses that aspire to make unmerciful critiques of the modern world, but that still place themselves in a point that has strangely evacuated all revolutionary perspectives, substituting for them the perspective of the end of the world. They simply separate themselves based upon the modalities of this end of the world and upon the programs for survival, of which they believe one can find the accomplished model in some kind of mythical past. They then hurl themselves at the figure of the historical golden age of their choice by promoting (sometimes in its most repugnant aspects) the re-establishment of some kind of moral order. The primitivist adepts of the vulgar neo-Rousseauist [John] Zerzan growl with enthusiasm about paleolithic communities, free from all alienation and -- supreme virtue -- unencumbered of all language[8]; the adepts of [Michel] Bounan and his becoming-sick of the world, wonder if it would not be preferable to again find in the asceticism of medieval alchemy the benefits of a medication at one's fingertips[9]; from a solitary and despairing condemnation of the industrial world, [Theodore] Kacyzinski (now in prison) plunges back into the American myths of the "frontier," the solitary pioneer advancing in a "virgin" nature; and others, intoxicated by the idealist vapors of a confused thought, marry Jesuitism to Kabbalah so as to announce the coming of metaphysical communities. The Encyclopedia of Nuisances (the EdN),[10] of which we will speak at length, prefers to defend the freely accepted restoration of the pre-industrial era, taking the urban and rural models of Paris of revolutionary artisans and village-communities as the guarantee of an unsurpassable liberty.
Similarly haunted by thoughts of death, all present themselves as inheritors of the Situationist International; without explicitly avowing it, all believe themselves to be the avant-garde of social critique, when they are only its decomposed product. Their confused mixes of critical remarks on modern life and their strictly literary ambitions thus nourish a rhetoric principally destined to edify a public acquired in advance. This rhetoric falls under the heading of a new esotericism; in any case, it is accessible with difficultly by the "non-initiated." We do not even speak of the flagrant contradictions that can appear from one phrase to another, and that makes for disconcerting reading. It is necessary to believe that there are virtues therein that remind us of other opiates. Nevertheless, we prefer other forms of intoxication. It doesn't remain any less the case that this confusion of genres, which demands the subordination of revolutionary social critique to poor aesthetic pretensions, [11] quite clearly shows that it is not a question of putting poetry into the service of the revolution but putting the revolution into the service of poetry. Because today it is the service of editorial interests that both have finally subjected themselves.
It is certainly quite necessary to place this historical result of the situationist movement into relation with the unfolding of the epoch that followed the defeat of the revolution of 1968. It was an epoch of total reaction that was instaurated, and we know that quite often, where reaction triumphs, it does so -- among other means -- through the diversion or parody of a revolutionqry ideology. From whence comes the reigning confusion between what was wanted, desired and sought in a movement like that of May '68, and what was realized in its aftermath; a confusion between the revolutionary idea and the bureaucratic idea of change in the social order of capitalism. It is nevertheless necessary to recognize that, before this epoch, the situationist project had truly contributed to the opening of a new revolutionary breach by starting a radical critique of everyday life and through the central idea o the construction of situations, propitious to the radical reinvention of life. Nevertheless, it is necessary to admit that this idea, which contributed to the destruction of the classical bourgeois conceptions of life and morals has, today, lost its subversive charge. The diverse followers of situationism have concluded a defensive retreat to the very doctrinal positions, the insufficiency of which has been revealed: they simply extoll the small construction of personal situations. The project issued from modern artistic revolt ("to change life") was progressively whittled down among those -- always more threatened by the flow of time -- to a frightened desire [12]to survive. For our part, we think that the original project of the SI wasn't so bad, that it was not for all that the perfect revolutionary theory (finally found), nor that it could constitute the only historical heritage for the possible reinvention of the revolutionary project. Thus, the epoch does not lead us to abandon it, nor to conserve it, but simply to deepen it, with the central idea remaining the same: a will to universal change and the unfailing search for the possibilities of that change.
If we have chosen to concentrate our critique on the particular influential group such as the EdN, this isn't because it is, properly speaking, the most misleading or the most deranged. It is quite plain that, in its moderation, the EdN represents the exact milieu of contemporary situationism in our sense of the word. The EdN thus produces the discourse that is the most likely to attract the lost elements of "radical contestation" that suffers from no longer finding any master thinkers. The EdN is not the detestable side of modern society, but the perfectly respectable complement of its negation: it will deny precisely what one tells it to deny. And in this role it differentiates itself from the "good conscience of the Left," not by a style of negation, but by a "radical" pose that the spectacle wants to concede to it. It thus diverts the stray impulses of revolt towards the impasses set up by the dominant social order better than someone like [Philip] Sollers. Thus, it is necessary that the real situation of the EdN in its time is defined.
Finally, as we often hear from its detractors,[13] that it is only the [absence of the] taste for practice that has made the EdN fail, we would like to correct this remark by recalling that the EdN would have been nothing even if it had the taste for theory. For us, it is a question of the central deficiency that determines all of the others. When one abandons the rigor of thinking and comprehending the world in a critical manner, why would there remain a practical will to overthrow it? The one doesn't go without the other. On the other hand, there are several purely rhetorical "tricks" that can make use of theoretical concepts. The EdN imagines itself poised upon one doesn't know what summit of critical thought, cheerfully balancing the best of the revolutionary theory of the last two centuries and ending up preferring anti-progressive and anti-technological reflections, the theoretical foundations of which have more affinity with reactionary thought. Nevertheless, there is no critical theory beyond revolutionary theory and there is no revolutionary theory provided in advance for all time. There is a theoretico-practical movement that is linked to history and that only recognizes truth in this very movement. If we discourse at great length about this French ideology[14] that constitutes the EdN, this is not to offer some theoretical recipe, keys in hand, which would be preferable to it, but to recall that the first task of any consequential theoretical effort is to denounce, in the first instance, the ideological swindles that would want to reduce theory to a simple consumption of ideas. We especially believe that useless lessons can be drawn from this critique. We leave free to each person the usage that will not fail to be discovered through such reflection.


[1] Last sentence of thesis 196.
[2] This passage also appears in The Arcades Project, translated by Howard Eiland and Kevin McLaughlin (The Belknap Press of Harvard University Press, 1999): "What makes for the dialectician is to have the wind of world history in his sails. Thinking means for him: setting the sails. What is important is how they are set. Words are his sails. They way they are set makes them into concepts" (p. 473).
[3] In the first issue of Internationale Situationniste (June 1958), "situationism" was defined as follows: "A word deprived of meaning, abusively forged by derivation from the preceding term [situationist]. There is no situationism, which would signify a doctrine of interpretation of existing facts. The notion of situationism is obviously conceived by anti-situationists."
[4] The French word used here, mediatique, has no equivalent in English. It means more than simply "mediated" or "mediatized," and suggests the spectacular.
[5] Authors' note: This designation remains limited. The Heideggerian bonanza is no longer sufficient for Parisian fashions; the "future philosophy" has successively been sought the drawers of Benjamin, Foucault, Arendt and Deleuze.
[6] L'Amara vittoria del situazionismo: Per una storia critica dell'Internationale situationniste, 1957-1972 ("The Bitter Victory of Situationism: For a Critical History of the Situationist International, 1957-1972") is the title of a work by Gianfranco Marelli (Pisa: Casalini Libri, 1996), which translated into French in 1998. The reference is to Amere victoire du surrealisme ("The Bitter Victory of Surrealism"), which was published in Internationale Situationniste #1, June 1958.
[7] Authors' note: Debord, Report on the Construction of Situations and the International Situationist Tendency's Conditions for Organization and Action (1957).
[8] Authors' note: In this context, read Alain Condrieux's John Zerzan and the Primitive Confusion.
[9] Authors' note: In a recent text, Without Market Value, followed by Remarks on Market Ecology (Allia, 2001), M. Bounan launches his own critique of the Encyclopedia of Nuisances, and shows -- with several occasionally judicious arguments -- "the complicity of this so-called contestation of nuisances with the social organization that provokes them," but further on evokes his own profound community of spirit with these pseudo-contesters when it is a question of diagnosing the unavoidable collapse of the current world and the no less unavoidable appearance of a "new mode of consciousness and social conduct born from the disaster itself." If, taking exception to the historical model of the EdN, he can affirm that "social life will have a very different aspect from that of the 18th century," this is nevertheless to persuade himself that it would instead have the aspects of the social life of the Middle Ages that he presents to us under an idyllic light. Bounan, who boasts that he has read Debord, nevertheless finds "doubtful" the idea that one day one will see re-emerge an Athens or a Florence and prefers to recall -- like a good priest -- that "the Christian tradition, for example, makes man a 'brother' and a 'member' of the 'son of man.'" Of which sermon does he want to convince us? This is also the question. [Translator's note: for more on Bounan, see footnote added by Jean-Francois Martos to the letter addressed to him on 24 February 1990 by Guy Debord.]
[10] Founded in 1984 by Jaime Semprun and the ex-situationist Christian Sebastiani, the Encyclopedia of Nuisances is a group, a journal and a publishing house.
[11] Authors' note: Bloom's Theory by Tiqqun, the affectations of someone like Belasch Kacem and those of the insipid Beidbegger concentrate in bulk form the overwhelming fuckery of the belletrist who has nothing to say in his [own] domain, still believing that political and philosophical matters will advantageously fill up the nothingness of his production.
[12] At least in France. The 1970s was a revolutionary era in places such as Italy, Portugal and Poland.
[13] The first critique of the EdN, The Encyclopedia of Powers, was written in 1987 by Jean-Francois Martos and Jean-Pierre Baudet, with some help from Guy Debord.
[14] This is oblique reference to Karl Marx and Frederick Engels' book, The German Ideology (1845).

Written by D. Caboret, P. Dumontier, P. Garrone and R. Labarriere. Published in Paris, 2001. Translated from the French by NOT BORED! 25 September 2007. All footnotes by the translator, except where noted.

mardi 28 juin 2011

EXIT! Heft 8 (Juli 2011) Inhalt und Editorial



EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft Heft 8, Juli 2011

 

EDITORIAL

Trotz aller vordergründigen Entwarnungsrhetorik vom „Ende der Krise“ und „neuen Aufschwung“ pfeifen es - ganze fünfundzwanzig Jahre nach dem Erscheinen der „Krise des Tauschwerts“ von Robert Kurz - die Spatzen und mancherlei andere Vögel von den Dächern, dass unsere Produktions-  und Wirtschaftsweise sich nicht mehr lange wird aufrechterhalten lassen. Eine Melodie wird daraus freilich eher selten, weil weitgehend Unklarheit darüber herrscht, worin diese Produktionsweise denn eigentlich besteht.
Da sind auf der einen Seite die VertreterInnen des „nachhaltigen Wachstums“ einer „ökologischen Marktwirtschaft“, die zwar - wie etwa der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann im SPIEGEL vom 16.5.2011 - zurecht darauf hinweisen, dass es kein dauerhaft tragfähiges Vorgehen zur Heizung des Wohnzimmers sein kann, dessen Dielen zu verfeuern, dann aber hinsichtlich der Frage, warum denn wohl unsere ach so effektive Marktwirtschaft nach genau dieser Methode vorgeht, die Schuld beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) als falschem Wachstumsindikator suchen und glauben, die Welt käme schon wieder in Ordnung, wenn wir erst die richtige Maßeinheit für Wachstum gefunden hätten. Weshalb denn auch in aller Welt und auf verschiedenen Ebenen Kommissionen mit dem Auftrag eingesetzt wurden und werden, nach dieser Maßeinheit zu suchen.
Das erscheint doch ein bisschen zu simpel. Warum um Himmels willen sollte das aus allen Fugen geratene kapitalistische Weltsystem in seinem zerstörerischen Selbstlauf einhalten, nur weil wir die Methode ändern, mit der er gemessen wird? Offensichtlich handelt es sich bei der Suche nach der neuen Maßeinheit um eine Ersatzhandlung: Wenn wir schon eine Transformation der herrschenden Gesellschaftsordnung für undenkbar halten, weil wir ihre Kategorien (wie Arbeit, Warenform, Wert, geschlechtliche Abspaltung), wo sie uns denn überhaupt ins Bewusstsein treten, als naturgegeben ansehen, dann putzen wir uns doch erst einmal die Brille, das kann ja immerhin nicht schaden.
Nützen wird es allerdings auch nichts. Denn wie immer die Alternative zum BIP am Ende auch aussehen mag, sie wird nichts daran ändern können, dass das Ziel allen kapitalistischen Wirtschaftens in der Erzielung möglichst hoher einzelbetrieblicher Profite liegt, erfolgreiches Wirtschaften also Wachstum voraussetzt, und zwar Wachstum der gesamtgesellschaftlichen Wert- und Mehrwertmasse, das jedoch - bei wachsender Produktivität - in noch stärkerem Maße ein Wachstum des stofflichen Outputs und Ressourcenverbrauchs erforderlich macht. Oder umgekehrt: Nachhaltigkeit auf der stofflichen Ebene ließe sich nur durch Inkaufnahme eines sinkenden Arbeitsvolumens erreichen, damit aber eben auch einer sinkenden Wert- und Mehrwertmasse, schließlich ist Arbeit die Substanz des Kapitals. Aber das erzähle mal einer den Grünen. Die schwadronieren lieber von der neuen deutschen Weltmarktführerschaft bei den grünen Produktlinien und - auf Arbeit, Arbeit, Arbeit fixiert wie alle anderen auch - den vielen neuen Arbeitsplätzen, die daraus „bei uns“ entstehen.
Die nicht erst seit dem Crash 2008 verbreitete Ahnung, dass die nur noch durch immer höher sich auftürmende Schulden am Leben gehaltene Weltwirtschaft jederzeit abstürzen kann, hat auf der anderen Seite eine Kritik hervorgebracht, die sich selbst als „fundamentale Kapitalismuskritik“ versteht oder jedenfalls in Rezensionen als solche gehandelt wird, zentrale kapitalistische Kategorien (s. o.) aber gar nicht zur Kenntnis nimmt, geschweige denn zum Gegenstand der Kritik macht. Paradigmatisch sei dafür das Anfang 2011 erschienene Buch „Das Ende des Geldes“ der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Franz Hörmann und Otmar Pregetter genannt, das sich positiv auf das „Zeitgeist Movement“ und das damit verwandte „Venus Project“ bezieht, Internet-Bewegungen mit einer nach eigenen Anhaben in die Hunderttausende gehenden Anhängerschaft.
Der durchgängige Eindruck, den das Werk auf einen unbefangenen und jedenfalls mit dem Buchtitel sympathisierenden Leser wie mich macht, ist der einer großen Verwirrung auf Seiten seiner Verfasser, die diese durch die forsch vorgetragene Pose des Tabubruchs zu überdecken versuchen. Offenbar handelt es sich bei den Autoren um Leute, die an der eigenen Wissenschaft irre geworden sind, was ja erst einmal für sie spricht. Nur haben sie es dann versäumt, sich ernsthaft nach Alternativen umzusehen, also etwa in der wirtschaftswissenschaftlichen Dogmengeschichte ein wenig zurück zu gehen, die Lektüre von Marx oder auch nur Ricardo wäre sicher hilfreich gewesen. Stattdessen ersetzen sie die zurecht für untauglich befundenen Erklärungen der herrschenden Lehre durch solche des „gesunden Menschenverstands“, der dazu zu neigen scheint, sich all die schwer zu durchschauenden Gegenwartserscheinungen damit zu erklären, dass hier Betrug am Werke sein muss. Ein ganzes Kapitel heißt denn auch „Die Betrugsmodelle des Kapitalismus“.
Der kommt bei Hörmann/Pregetter ohne Produktion und ohne Arbeit aus, es geht - wie in der  neoklassischen Lehre auch - allein um den Markt, nur dass dieser nicht so perfekt funktioniert, wie es die Rede von der „unsichtbaren Hand“ suggerieren soll. Der Tausch werde vielmehr durch das dazwischentretende Geld gestört, das von den Banken „aus Luft“ generiert werde und für das sie Zinsen fordern, so dass Lohnabhängige und Unternehmer über ihre eigentliche Intention hinaus arbeiten müssen, um die Zinsen zu bedienen, was wiederum den „Wachstumszwang“ und die damit verbundene Verschwendung von Ressourcen begründet. Die Realwirtschaft unter der Knute betrügerischer Machenschaften des Finanzsektors, dieses strukturell antisemitische Muster ist nur allzu bekannt. Den Autoren ist allerdings zugute zu halten, dass sie immer wieder darauf hinweisen, dass es ihnen um „die geistigen Grundlagen des Gesellschaftssystems“ gehe und nicht um die persönlichen Verfehlungen Einzelner. Und, immerhin, sie fordern nicht die Abschaffung des Zinses, sondern prognostizieren den Zusammenbruch des Geldsystems.
Die Frage allerdings, warum ein auf „mittelalterlichen Denkweisen“ (römisches Recht und doppelte Buchführung werden hier genannt) basierendes Betrugssystem sich so lange hat halten können und ausgerechnet heute sein Ende finden soll, wird weder gestellt noch beantwortet. Ganz offensichtlich haben die Autoren den aktuellen Modus kapitalistischer Vergesellschaftung mit seiner Dominanz des Finanzkapitals in die Vergangenheit projiziert, bis ins späte Mittelalter zurück verlängert und daraus ein Wesensmerkmal des Kapitalismus im Allgemeinen gemacht. Daraus resultiert der Fehlschluss, dass der Kapitalismus überwunden sei, wenn man nur das Geld in seine Schranken weist.
Nicht zufällig endet das Buch in einer schlechten Utopie. Das Geld, um dessen Ende es doch eigentlich gehen sollte, wird nicht etwa abgeschafft, sondern - unter dem berüchtigten Stichwort der „Schwarmintelligenz“ - demokratisiert, und zwar „nach dem Vorschlag der EURO-WEG-Bewegung (WEG = Wert-Erhaltungs-Geld).“ Offenbar geht es wohl doch eher um die Abschaffung des Zinses. Das „Konzept sieht vor, jeden Menschen schon von Geburt an mit einem eigenen Blanko-Kredit, »Geld aus Luft« auf einem persönlichen Konto, zu versehen“, das er eigenverantwortlich verwenden soll. Im Rahmen des von Hörmann/Pregetter verballhornten Mottos „jedem nach seinen Bedürfnissen - jeder nach seinen Möglichkeiten“, dessen Ursprung die Autoren womöglich gar nicht kennen, spielt dieses persönliche Konto eine wichtige Rolle (S. 224f): „Es gibt in diesem Konzept keine Kapitalgesellschaften mehr, in welchen Eigentümer ohne Leistung Schuldgeld vermehren, sondern nur noch natürliche Personen, welche sich über ihre wahren Leistungen vernetzen - jeder Mensch ein Unternehmer. Der Leistende erhält bei Rechnungsstellung sofort den Rechnungsbetrag gutgeschrieben - als Belohnung durch die gesamte Gesellschaft. Der Konsument erhält den gleichen Betrag dagegen von seinem Konto abgezogen.“ Welche Geldbeträge für welche Leistungen zu zahlen sind, wird nicht gesagt, entscheidet das am Ende der Markt? Wer dabei ins Minus rutscht, ist gehalten, das durch eigene Leistung, für die es aber auch Abnehmer geben muss, wieder auszugleichen. „Falls es ihm dennoch nicht gelingen sollte, sein Konto wieder auszugleichen, wird es auch zu keiner nachfolgenden Enteignung wie Pfändung, Zwangsversteigerung etc. kommen, denn schließlich war sein Kontominus ja die Voraussetzung  für das Kontoplus eines anderen Menschen. Die einzige Konsequenz eines lange währenden negativen Kontostands ist die intensivere Beratung durch die EURO-WEG-Begleiter, die Bankmitarbeiter der Zukunft. Diese werden versuchen, ihm Wege aufzuzeigen, wie er durch Tätigkeiten, die ihm wirklich Freude bereiten und die er selbst für schön und sinnvoll erachtet, in Zukunft nützliche Leistungen für die Gesellschaft erbringen kann, um sein Konto wieder auszugleichen.“ Da bieten sich doch „schöne und sinnvolle“  neue Tätigkeiten für ehemalige Banker und Mitarbeiter der Arbeitsagenturen an, mit denen diese dann wiederum ihre persönliche Leistungsbilanz ins Positive wenden können. Gruseliger geht es eigentlich kaum noch: Die Aufteilung der Bevölkerung in „Leistungsträger“ und „Versager“ wird präzise erfasst, und die neue Obrigkeit in Gestalt der „EURO-WEG-Begleiter“ weiß immer ganz genau, wer zu welcher Spezies zu zählen ist. Es bedarf schon einer gehörigen Portion Ignoranz, darin eine positive Utopie zu sehen.
Das Buch ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass ohne eine an die Wurzeln gehende Kritik, die die tiefer liegenden Schichten der bürgerliche Gesellschaft mit erfasst, nicht nur die schlechte Wirklichkeit, sondern auch die gut gemeinten (utopischen) Idealvorstellungen und Entwürfe in einer Art Wiederholungszwang immer wieder nur die Formen bürgerlicher Herrschaft reproduzieren können.
Weil diese Kritik in einem umfassenden Sinne keineswegs schon geleistet und von den vielen  karriereorientierten und daher möglichst dünne Bretter bohrenden Blendern und Wichtigtuern im politischen und akademischen Bereich in dieser Hinsicht nichts zu erwarten ist, wird das dicke Brett der radikalen theoretischen Kritik weiterhin unsere Aufgabe sein. Vorstellungen zu einer befreiten postkapitalistischen Gesellschaft mögen sich daraus ergeben, aber sie sind der Kritik des Bestehenden nicht vorgängig. Sie können ihr nicht vorauseilen, ohne sich in den Fallen der alten Gesellschaft zu verfangen.
Im ersten Teil seines Textes „DAS ELEND DER AUFKLÄRUNG -  Antisemitismus, Rassismus und Sexismus bei Immanuel Kant“ vermittelt Daniel Späth die kategorialen Bestimmungen der Kantischen Philosophie mit deren gesellschaftlichen Bezugspunkt, um auf diese Weise einen Begründungszusammenhang für die Genese der Ideologien des Aufklärers zu gewinnen.        Anhand eines Durchgangs durch die theoretische und praktische Philosophie Kants wird dabei gezeigt, dass die grundsätzlichen Begriffe seiner Philosophie einen Zusammenhang von „Transzendentalität und Zirkulationssubjektivität“ konstituieren. Um den gesellschaftlichen Bedeutungskern der Kantischen Transzendentalphilosophie  freizulegen, wird im ersten Kapitel des Textes das Transzendentalsubjekt in seiner erkenntnistheoretischen Stuktur immanent kritisiert, wobei diese Analyse auf die Kritische Theorie und deren Kant-Rezeption rekurriert, um, im Anschluss an diese, die Präzisierung einer Kant-Kritik voranzutreiben. Diese Präzisierung reflektiert im zweiten Kapitel auf das bereits in der „Kritik der reinen Vernunft“ thematisierte Verhältnis von Theorie und Praxis, wobei der dichotomische Charakter dieses Verhältnisses seinerseits auf eine reale Widersprüchlichkeit bürgerlicher Subjektivität verweist. Der kritischen Darstellung derselben auf der Ebene der Kantischen Philosophie im dritten Kapitel folgt deshalb im vierten Kapitel der Versuch ihren gesellschaftlichen Ursprung in abstracto zu antizipieren. Vor dem so gewonnenen Hintergrund der Durchdringung der Kantischen Philosophie in ihrer theoretischen und praktischen Dimension und der kritischen Restitution ihrer Begriffskonstellationen als Ausdruck gesellschaftlicher Beziehungen kann die negative Dialektik bürgerlicher Subjektivität analysiert werden. Ihre Begründung bei Kant wirft dabei zwangsläufig die Frage nach dem historischen Status des Transzendentalsubjekts auf, weshalb das fünfte Kapitel sich der Kantischen Geschichtstheorie zuwenden und schließlich mit einer abstrakten Reflexion auf die Negativität bürgerlicher Subjektivität unter wert-abspaltungs-kritischen Gesichtspunkten enden wird. Dieser an sich noch beschränkte Reflexionshorizont wird in dem für das nächste Heft vorgesehenen zweiten Teil erweitert, in dem der Kantische Antisemitismus, Rassismus und Sexismus im Fokus der Analyse stehen werden.
Tomasz Konicz unternimmt in seinem Text „EUROPAS HINTERHOF IN DER KRISE“ den Versuch, unter Rückgriff auf eine breite empirische Grundlage die wichtigsten Momente der ökonomischen Entwicklung Mittelosteuropas seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus nachzuzeichnen. Einen Schwerpunkt der Untersuchung bilden diejenigen Länder, die im letzten Jahrzehnt in die Europäische Union aufgenommen wurden und nun deren östliche Peripherie bilden. Dem Zusammenbruch folgte ein tiefgreifender Deindustrialisierungsprozess, der den mittelosteuropäischen Volkswirtschaften ihre Eigenständigkeit raubte und sie bestenfalls in die Rolle einer „verlängerten Werkbank“ westeuropäischer und vor allem deutscher Industriekonzerne trieb. Im Sinne der „Weltsystemtheorie“ Wallersteins ist Mittelosteuropa der „Semiperipherie“ zuzurechnen, jedenfalls bis zum erneuten Kriseneinbruch 2008/2009, durch den etlichen Volkswirtschaften sogar noch dieser halbperiphere Status verloren zu gehen droht.
Im zweiten Teil seines Textes „ES RETTET EUCH KEIN LEVIATHAN -  Thesen zu einer kritischen Staatstheorie“ stellt Robert Kurz, wie bereits im ersten Teil, die Geschichte der linken Staatstheorien im Kontext der kapitalistischen Entwicklung dar. Ausgangspunkt ist die relativ kurz abzufertigende anarchistische Staatskritik, die völlig überschätzt wird und das Problem in krude Ideologie auflöst. In einer Rückblende wird dann noch einmal die fragmentarische und begrifflich inkonsequente staatstheoretische Reflexion von Marx und Engels zwischen dem „Manifest“ und dem „Anti-Dühring“ kritisch beleuchtet, wie sie in der Auseinandersetzung mit den Bakunisten und um den Charakter der Pariser Kommune erscheint. Daraus ergibt sich eine Schwäche der Kritik am kapitalistischen Modus der Vergesellschaftung: Notorisch wird das Problem der gesellschaftlichen Synthesis verfehlt; die Ideen für eine Alternative zum Kapitalverhältnis bleiben grundsätzlich auf der (soziologisch verkürzt wahrgenommenen) Ebene des Einzelbetriebs stehen, während die Frage der bewussten gesellschaftlichen Planung wie von selbst in etatistische Bahnen mündet. Methodologisch folgt die linke Ideologie seither der Metamorphose der bürgerlichen Wissenschaft, die im Gegensatz zu ihren eigenen Klassikern eine Tendenz entwickelt, die gesellschaftlichen Kategorien in gewisser Weise zu individualisieren und zu subjektivieren; die sogenannten strukturtheoretischen Ansätze konterkarieren diese Tendenz keineswegs, weil sie eine „Objektivität“ nur als „Wechselwirkung“ und Resultante immanenter Handlungen verstehen, während der apriorische und transzendentale Charakter der gesamtgesellschaftlichen Formbestimmungen und des daraus abgeleiteten „allgemeinen Willens“ gar nicht mehr vorkommt. Von marxistischer Seite war schon frühzeitig keine zureichende Kritik an dieser bürgerlichen Regression von Gesellschafts- und Staatstheorie mehr möglich, die im Begriff des begründungslosen „Ausnahmezustands“ mündet und damit die spätkapitalistische Krisenpraxis widerspiegelt. Gerade der „Ausnahmezustand“ bildet seither das geheime Programm einer „politischen Reifeprüfung“ der Linken, die gleichzeitig in ihrer demokratischen Ideologie weitgehend dem Elend des Rechtspositivismus verfällt. Die positive Staatsgläubigkeit der Sozialdemokratie wird zum uneingestandenen Erbe auch der sogenannten radikalen Linken. Der Text wird mit seinem dritten Teil im nächsten Heft fortgesetzt.
In einem Rezensionsessay „MESO-THEORIE DES STAATES OHNE KATEGORIALE KRITIK?“ zu Bob Jessops einflussreichen Buch „The Future of the Capitalist State“ verhandelt Elmar Flatschart den „State of the Art“ der englischsprachigen materialistischen Staatstheorie. Der Durchgang durch das Buch erweist, dass Jessop ein scharfer Analytiker der meso-strukturellen Veränderung des fordistischen Staates ist, der durchaus probate definitorische Raster zu entwerfen vermag und somit die komplexe Phänomenologie einer Veränderung von Staatlichkeiten recht gut erfasst. Auch wenn seine These über das Nachfolgermodell des fordistischen Staates, den „Schumpeterianischen Wettbewerbsstaat“, partiell hinterfragt werden müsste, kann auch aus den Vermutungen zu zeitgenössischen Tendenzen noch einiges an Erkenntnis gewonnen werden. Problematisch ist jedoch das fehlende Moment einer Kritik der bestehenden Formen überhaupt, was bereits die theoretischen Grundlagen des Buches nahelegen. Bei dieser rein analytischen, aber nicht kritisch-dialektischen - und somit auch nicht prozessorientierten - Perspektive bleibt die theoretische Anschlussfähigkeit auf der Strecke. Damit verbunden ist gleichzeitig auch eine wissenschaftstheoretische Inkonsistenz, auf die Elmar Flatschart im Zuge einer Kritik der kontingenztheoretischen Schlagseite des Jessop’schen „Gliederungsethos“ aufmerksam macht.
Unter dem Titel „KLEINE REFLEXION DES RE-THINKING MARX KONGRESSES“  gibt Elmar Flatschart einen (selektiven) Einblick in den Ablauf der damit bezeichneten Veranstaltung, die vom 20.-22. Mai 2011 in Berlin stattfand, und legt dabei einige inhaltliche Schwerpunkte dar. Eine umfassendere Behandlung findet das Themenfeld „Ideologiekritik“, das mit VertreterInnen der „neuen Frankfurter Schule“ im Anschluss an Jürgen Habermas stark präsent war. Flatschart weist in einer kurzen theoretischen Verhandlung des Themas auf die Fallstricke einer Position hin, die zwar einige progressive Momente des „esoterischen Marx“ aufnimmt, jedoch letztlich in ihrer verhandlungstheoretischen Auflösung affirmativ bleibt. Er zeigt, dass ein wesentliches Moment dieser Auflösung die Ineinssetzung von Fetischismus und Ideologie ist und pocht folglich auf die Bedeutung einer klaren Trennung von Ideologiekritik und Fetischkritik: beiden sind unterschiedliche erkenntnis- und gesellschaftstheoretische Rollen zuzuweisen.  
In seinem Text „DIE SITUATIONISTEN UND DIE AUFHEBUNG DER KUNST“ befasst sich Anselm Jappe mit der Situationistischen Internationale, die heute wesentlich bekannter ist als während ihrer Existenz (1957-1972). Sie gilt oft als der historisch letzte Versuch, avantgardistische Kunst mit avantgardistischer Politik zu verbinden. In Wirklichkeit ging es den Situationisten jedoch um die „Aufhebung der Kunst“ in der Revolution. Kann sich irgendeine heutige Kunst- oder Politikform zu Recht darauf berufen? Sind die situationistischen Ideen nicht längst in das „Spektakel“ eingemeindet worden, vor allem in der Kunstwelt? Und war dieses Programm der Aufhebung nicht an einen Fortschrittsgedanken gebunden, der heute selber überholt wirkt, weil er an eine - vom Traditionsmarxismus ererbte - allzu positive Auffassung der Entwicklung der Produktivkräfte gebunden war? Vielleicht ist heute also eine Verteidigung der Kunst möglich, die Argumente Adornos mit „situationistischen“ Argumenten verbindet. Aber welcher Kunst?
Lars von Trier, einer der erfolgreichsten Regisseure des europäischen Autorenfilms der letzten 20 Jahre, ist immer wieder scharf für die patriarchalen Frauenrollen in seinen Filmen kritisiert worden. Im Mittelpunkt der Handlung steht zumeist ein von einer Frau mit außerordentlicher Leidensfähigkeit gebrachtes Opfer. Zu beachten hat die Kritik dabei, dass bei aller ästhetischen Überhöhung des Opfers auch die Gewalt dargestellt wird, die damit in Verbindung steht. Dies hat das Gerücht in Umlauf gebracht, dass es sich bei den Filmen auch um kritische Darstellungen handeln könnte. Anhand einer über weite Strecken gelungenen feministischen Kritik dieser Filme - Antje Flemmings „Lars von Trier. Goldene Herzen, geschundene Körper“ -, zeigt JustIn Monday in seinem Text „FRAUENBILD UND FRAUENBILDER - Zum Verhältnis von Kulturwissenschaft und Feminismus, aufbauend auf Antje Flemmings Kritik der Filme Lars von Triers“, welche Grenzen der Kritik gesetzt sind, wenn die aktuelle Orientierung an den gängigen, kulturwissenschaftlich geprägten Methoden der aktuellen Sozialforschung beibehalten wird. Während die inhaltliche Analyse von Bildsprache und anderen filmischen Mitteln erhellend ist, bleibt die Antwort auf die Frage nach den aktuellen Bedingungen, unter denen diese Mittel wirken können, hinter dem Notwendigen zurück. Immer wieder muss auf das Argument zurück gegriffen werden, von Triers Frauenbilder seien antiquiert. Dieser Eindruck entsteht, weil verfehlt wird, dass die Erneuerung der patriarchalen Tradition kein Problem des Inhalts, sondern eines der Abspaltung des Weiblichen von der gesellschaftlichen Form ist. Zu diesem Zweck versucht JustIn Monday, die Abspaltungskritik auf metapsychologischer Ebene fortzuführen und erörtert die ahistorischen Implikationen des postmodernen Geschichtsbegriff, mit denen Veränderungen nicht zu fassen sind. Im Kern des Problems liegt die Unmöglichkeit, die Formdifferenz zwischen realer und fiktiver Welt im Film zu verhandeln. Diese Kritik berührt zentrale Annahmen und Implikationen aktueller Macht- und Diskurstheorien, so dass der Text auch als Beitrag einer Kritik hieran zu verstehen ist.
Das Heft schließt mit vier kurzen Texten von Udo Winkel: Einer Rezension des Aufsatzbandes „DIVERGENZEN DES HELMUT DAHMER“, das sich zur Würdigung des Lebenswerks seines Autors eignet, einer weiteren Rezension des Buches „GELD IM MITTELALTER“ von Jacques Le Goff, in dem deutlich gemacht wird, dass von einem „mittelalterlichen Kapitalismus“ keine Rede sein kann, einer Würdigung von Alfred Schmidt zu dessen 80. Geburtstag unter der Überschrift „ZWISCHEN FEUERBACH UND DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE“ sowie schließlich einer Glosse „VON HEGEL ZU LUDWIG ERHARD“ über die programmatischen Metamorphosen der Sahra Wagenknecht.
Mit Beginn des Jahres 2011 hat die Redaktion personell zugelegt und sich damit zugleich drastisch verjüngt. Als neue Mitglieder hinzugekommen sind Johannes Bareuther, Elisabeth Böttcher, Elmar Flatschart, Georg Gangl und Daniel Späth.
Das SCHWARZBUCH KAPITALISMUS von Robert Kurz wird zur Zeit ins Englische übersetzt und soll, wenn die Verlage mitmachen, im nächsten Jahr in englischer Sprache erscheinen.

lundi 27 juin 2011

POSTNATIONALE KETTENREAKTION


Im Kapitalismus sind nicht die Menschen vergesellschaftet, sondern die toten Dinge: Geld und Waren. Deshalb schnurrt die Wahrnehmung der Welt auf einen Punkt zusammen; auf das einzelne Individuum, den einzelnen Betrieb, den einzelnen Staat. Genauso atomisiert ist das Zeitbewusstsein. Was zählt, ist immer nur die Aktualität. Alles andere ist Schnee von gestern oder die Sintflut nach uns. Nicht in Epochen wird gedacht, sondern im Zeithorizont der „Tagesschau“. Zwar weiß man irgendwie, dass es komplexe globale Zusammenhänge gibt, vor allem ökonomische. Aber je mehr von „Vernetzung“ die Rede ist, desto isolierter erscheinen die Tatsachen. Globalisierung schön und gut, aber ist das nicht ein Thema von vorgestern?
Seitdem die Staaten ihre Rettungspakete geschnürt haben, möchte man überall wieder die nationale Brille aufsetzen. Dass die Pleite von Lehman Brothers (war da mal was?) eine Kettenreaktion auslöste, die für einen Augenblick das weltweite Netz von faulen Krediten enthüllte, gilt als Exzess irgendwelcher vaterlandsloser Finanzmärkte. Unter dem Schutzschirm der Regierung und in den heimischen vier Wänden glaubt man sich gern in einer Welt von lauter patriotischen Ökonomien. In Wirklichkeit werden dieselben transnationalen Waren- und Geldströme, dieselben globalen Ungleichgewichte und Defizitkreisläufe wie zuvor jetzt durch Staatskredite subventioniert statt durch kommerzielle Finanzblasen. Und auch die Staatsgelder selber sind alles andere als national.
Weil der Kapitalismus sowieso als unverwüstlich gilt und die neue Qualität der Globalisierung eher verdrängt wird, scheint sich nur die Frage nach Aufsteigern und Absteigern bei den Konzernen sowie nach nationalen Gewinnern und Verlierern zu stellen. Wird China die USA als ökonomische und politische Weltmacht ablösen? Diese „große Erzählung“ der Medien ist völlig realitätsblind, denn wir leben nicht mehr in einem Jahrhundert selbständiger nationaler Imperien. Die von Monat zu Monat erneut ansteigenden chinesischen Exportüberschüsse gegenüber den USA werden durch die Geldschwemme der US-Notenbank finanziert. Umgekehrt speisen die Chinesen ihr staatlich erzwungenes Binnenwachstum aus den astronomischen Devisenreserven, die vor allem in Dollars bestehen. Die wechselseitige Abhängigkeit ist so groß, dass jedes Straucheln des einen auch den anderen zu Boden gehen lässt. Weder einzeln noch gemeinsam kontrollieren sie ihren widersprüchlichen Zusammenhang.
In Europa tut man so, als wären die Schuldenkrisen Griechenlands und der anderen Wackelkandidaten hausgemachte Probleme, die durch nationale Sparanstrengungen bewältigt werden könnten. Tatsächlich sind die Defizite in der EU die Kehrseite der deutschen Exportüberschüsse. Müsste die deutsche Ökonomie sich auf den nationalen Binnenmarkt konzentrieren, würde sie sofort zusammenbrechen. Bis jetzt sind die drakonischen Sparmaßnahmen in Süd- und Osteuropa, übrigens auch in Großbritannien, großenteils erst proklamiert. Sollten sie in vollem Umfang verwirklicht werden, ist eine europäische Rezession mit globalen Auswirkungen zu erwarten. Und geht Griechenland pleite, gerade wenn es sich kaputt spart, wird man sich wundern, wo überall griechische Staatspapiere gebunkert sind. Das ist nicht viel anders als bei den Lehman-Zertifikaten, und es gilt für die faulen Staatsschulden überall. Das Kapital in allen seinen Formen ist international. Wenn die Proteste gegen die antisozialen Krisenprogramme nichts als die bornierte nationale Unabhängigkeit beschwören, können sie nur ins Leere gehen.

Robert Kurz


erschienen im Neuen Deutschland
am 27.06.2011

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